TAPED

What’s your Story

Wer sagt denn, dass es all die Kreativen, die Künstler, die Jung-Unternehmer und die Quer-Denker weg vom Land, hinein in die Städte dieser Welt zieht? Wer behauptet, wir auf dem Land seien träge, zögerlich, immer ein paar Jahre zu spät dran? Sleepless Sheep porträtiert in der Rubrik „What’s your Story“ interessante, spannende, authentische Menschen unserer Region, die viel Herzblut in ihr Projekt stecken und uns inspirieren. Möge sich „What’s your Story“ fleissig vermehren und verbreiten und ganz viele Menschen inspirieren.

# Porträt 3

 Finlay Sky Davey

 Anfangen hat alles vor rund fünf Jahren. Seitdem ist viel passiert: Die Liechtensteiner Hardcore Band TAPED tourt abenteuerlich durch Europa, investierte alles und verlor nie den Glauben an sich. Ihr Videoclip „Wolfpack“ generierte innerhalb eines Jahres 210’000 Views und nun feiert TAPED – am Freitag, 13. Februar im Kulturcafé Schlachthaus Dornbirn – Album Release ihres neusten Albums „Empires“ unter dem deutschen Label „Redfield Records“. „Hätte uns das jemand vor vier Jahren vorausgesagt, hätten wir ihn vermutlich ausgelacht“, sagt Finlay Sky Davey, Leadsänger der Band. Er verkörpert auf den ersten Blick das Image des harten Rock’n’Rollers. Doch Finlay lässt sich nicht in eine Schublade stecken. So geht es im Gespräch mit Sleepless Sheep auch weniger um Sex und Drugs, als vielmehr um vegane Ernährung, Träume und Heimatgefühle.

TAPED, das sind Finlay Sky Davey (Vocals/Synth), Philipp Luder (Bass), Chris Jäger (Guitar), Kevin Negele (Guitar/Growls), Tiago Spagolla (Drums/Clean Vocals)

Finlay Sky Davey

Finlay Sky Davey

 

Sleepless Sheep: Ich komme nicht aus deiner Musikszene, habe aber im Vorfeld unseres Gespräches eure Videoclips angeschaut. Was ich gehört und gesehen habe, hat mich echt beeindruckt. Die enorme Kraft, die ihr beispielsweise beim Song „Turn the Page“ ausstrahlt, hat mich umgehauen.
Finlay Sky Davey: Das freut mich. „Turn the Page“ ist unser erster Song auf dem Album „Empires“. Wir wollten, dass der erste Song die Leute packt. Bei vorherigen Songs hatten wir zuweilen lange Intros. Diese Linie wollten wir mit „Turn the Page“ durchbrechen. Diesen Song wollten wir richtig raushauen.

Bei mir hat eure Strategie funktioniert.
Wenn du dir den Song anhörst wirst du schnell merken, ob du deine Boxen zu laut eingestellt hast (lacht.) Das geht wirklich ab von 0 auf 100. Das war unser Ziel.

Worum geht es in diesem Song?
Das Intro des ganzen Albums heisst „New Chapter“. Für uns ist das bezeichnend. Es ist unser erstes Album und dadurch natürlich ein ganz neuer Anfang. Und dann ist da eben dieser erste Song „Turn the Page“, was soviel heisst wie „Umblättern“. Es geht darum, die Vergangenheit ruhen zu lassen, nicht zu vergessen, aber daraus zu lernen und weiterzugehen. Denn es geht immer weiter, ob du willst oder nicht. Im Text haben wir viel Wert auf dieses „keep running“ gelegt. Denn im Endeffekt interessiert es niemanden, ob du weitermachst oder nicht. Du selber musst aufstehen und deinen Weg finden. Du hast es in der Hand. Darum geht es in dem Song.

Redest du da von dir, oder von Taped als Band?
Wir alle haben uns weiterentwickelt, sowohl menschlich wie auch musikalisch. Ich glaube, von da kommt auch diese Energie die du gespürt hast.

Mir ist aufgefallen, dass euer Albumcover, eure Videos, ja sogar die ganze Art-Work einen starken Bezug zu Liechtenstein hat.
Liechtenstein ist unsere Heimat, unser Fundament. Unsere Fans aus dem Ausland finden diesen Bezug voll cool. Nicht jedes Video muss in Zukunft diesen Liechtenstein-Bezug haben. Aber dieser rote Faden zieht sich durch unser ganzes Konzept und je besser man uns kennenlernt, desto mehr erkennt man in diesem Konzept auch unsere ganz persönlichen Gedankengänge. Uns als Band ist das sehr wichtig.

Was bedeutet dir dieses Album persönlich?
Da sind so viele Dinge drin, die ich selber erlebt und durchgemacht habe. Ich war, kurz bevor das Album fertig war, einen Monat lang im Spital. Was ich in jener Zeit erlebte, hat dem ganzen Album nochmals eine ganz andere Dimension gegeben. Ich habe im Nachhinein unsere Songtexte nochmals mit anderen Augen gelesen. Es hat sovieles nochmals ganz krass und heftig verstärkt. Das hat mich extrem motiviert, noch mehr Energie, noch mehr Persönlichkeit in unser ganzes Projekt zu bringen.

Was ist passiert?
Ich hatte einen Pneumothorax, das heisst, Luft ist aus meiner Lunge geströmt und hat sich ausserhalb der Lunge angesammelt. Glücklicherweise bin ich nicht in Panik geraten, denn dann hätte es anders ausgehen können. Ich hatte Glück, dass ich überlebt habe. Die Ärzte sagten, die Rückfallquote sei relativ gering. Trotzdem sagten sie, ich dürfe nicht mehr singen.

Wie ging es weiter?
Für mich war im gleichen Moment klar, dass ich weiter singen werde. Aus einem Grund: Singen ist mein Traum. Diese Band, die Musik, das ist mein Leben geworden. Wenn ich singe, mache ich das, was ich am allerliebsten mache, mit den Leuten, die ich am allerliebsten mag. Ich kann mit ihnen durch ganz Europa touren, Konzerte spielen, neue Leute kennenlernen. Vielleicht kann ich auch Leute inspirieren. Sollte ich irgendwann auf der Bühne meinen letzten Atemzug tun, dann wäre das für mich das Schönste, was mir passieren kann. Klar, es ist nicht mein Ziel, ich trage mir Sorge, mache Therapie, wärme immer auf. Ich schaue gut zu mir.

Was mir auch aufgefallen ist, ist die schöne und professionelle Präsentation eurer Produkte. Da sind die guten gemachten Studio-Blogs, da sind diese coolen und durchdachten Limited Special Boxes, die geilen Videoclips.
Ursprünglich habe ich angefangen, Videos zu schneiden. Ich machte das als Mittel zum Zweck. An meinem ersten Video habe ich bestimmt 26 Stunden gearbeitet. Aber es war spannend und ich bin stolz auf dieses schöne Dokument, das unsere Anfänge auf eine coole Art und Weise zeigt. Irgendwann übernahm dann unser Gitarrist Christian. Er hatte in der Schule ein Projekt und so konnte er sich da reinhängen. So haben wir uns weiterentwickelt und verbessert. Fotografieren, Filmen, Schneiden… das ist mittlerweile zu unserem Hobby geworden. Wir alle proben und tüfteln und basteln gerne. Das Ganze ist learning by doing. Wir sind alle Künstler, denn für mich ist auch kreatives Denken eine Form von Kunst. Das Musikvideo zu „Turn the Page“ wurde allerdings professionell gemacht.

Wie seid ihr zu der Idee mit der Box gekommen?
Dazu wurden wir von einer anderen Band inspiriert. Die brachten auch eine Box raus, die war zwar völlig anders als unsere, aber daher stammt die Grundidee. Wir fanden das supercool und originell. Unser Label unterstützte uns, sagte, wir könnten grundsätzlich alles bringen, solange es sich vermarkten lasse. Wir hatten brutal viele Ideen, wälzten ewig lange Ideen und Gedanken, kamen aber letztendlich wieder auf diese Box zurück. Sie musste aber natürlich in unser Konzept passen und den Liechtensteinbezug aufweisen. So entstand die Idee mit der Holzbox. Die Art-Box soll repräsentieren, was uns selber wichtig ist: Holz, Natur, erneuerbare Energien, die vier Elemente, Alchimie. In dieser Box stecken viele versteckte Botschaften.

Limited Special Boxes

Limited Special Boxes

Du bist Leadsänger einer Hardcoreband, arbeitest in einer Bar. Wer dich nicht kennt, assoziiert da vermutlich früher oder später das Image des Rock’n’Rollers, also Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Nun erzählst du mir hier von deiner Verbundenheit zur Natur, von Alchimie und erneuerbaren Energien. Wie passt das zusammen?
Viele laden mich hier in der Bar auf einen Drink ein. Das freut mich, aber ich trinke keinen Alkohol. Das überrascht viele. Ich lebe seit fünf Jahren vegetarisch und seit vier Jahren vegan. In der Hardcore Musikszene ist dieser Lebensstil „Straight Edge“ sehr verbreitet. Die nehmen ihr Leben in ihre eigene Hand und verzichten bewusst auf Alkohol und andere Suchtmittel und glauben auch an einen Beziehungspartner anstelle von häufig wechselnden Partnern. Straight Edge schwimmt bewusst gegen den Strom. Mich hat das fasziniert, obwohl ich nie den Drang verspürte, mich dieser Bewegung anzuschliessen. Wenn ich was mache, dann mache ich das für mich. Ich brauche keine Community, um mich daheim zu fühlen. Ich bin stark genug um selber zu entscheiden was ich mache. Ich sage deshalb auch nicht, dass meine Lebensweise für die Ewigkeit ist. Wenn ich irgendwann Lust auf ein Steak oder ein Bier habe, dann gebe ich mir das.

Wie weit geht dein veganer Lebensstil?
Ich achte hauptsächlich auf die grossen Sachen. Auf Ernährung, meine Kleidung, Kosmetikartikel. Ich gehe auch nicht in den Zirkus oder in den Zoo und verzichte auf gewisse Filme. Schwierig finde ich, im Medizinbereich konsequent zu sein. Das braucht viel Zeit um da den Durchblick zu kriegen. Mir ist auch wichtig, nicht zu missionieren. Aber wenn jemand Lust hat, sich mit mir über die vegane Lebensweise zu unterhalten, dann freue ich mich und informiere gerne. Gut ist, wenn ich die Leute dazu bringen kann, gewisse Dinge zu hinterfragen.

Teilen deine Bandkollegen deinen Lebensstil?
Ich bin der einzige der so lebt. Aber sie respektieren mich, so wie ich bin. Ich schaue grundsätzlich, dass ich mein eigenes Essen dabei hab. Sich in der Schweiz vegan zu ernähren ist noch immer mit Kosten verbunden. Wenn wir unterwegs sind und uns in einer Kebapbude verköstigen, dann kostet das jeden von uns zehn Franken. Nehme ich alle mit in ein veganes Restaurant, dann lassen wir locker für einen Teller 24 Franken liegen. Das will ich meinen Kollegen nicht antun. Niemand muss sich umstellen meinetwegen. Aber wir haben den Dreh mittlerweile gut raus. Worauf wir aber alle achten, das ist die Umwelt. Das ist unser gemeinsames Band-Ding. Wir nehmen zwar nicht an Greenpeace-Demos teil, aber jeder von uns setzt sich ein so gut er eben kann.

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Woher kommt dieses Non-Konforme?
Das übte auf mich schon sehr früh einen extremen Reiz aus. Das hat wahrscheinlich mit meinem Hintergrund zu tun. Meinen Vater kenne ich nicht, ich hatte nie einen Papa, ich lebte als Baby 18 Monate in Italien, bin aufgewachsen in Liechtenstein mit meiner alleinerziehenden Mama, bin Engländer und rede auch daheim mit Mama nur Englisch, meine Familie lebt in Frankreich, ich habe nicht einen Götti sondern vier und so weiter und so fort. Irgendwie war von anfang an alles ein bisschen anders. Das heisst, ich habe schon ganz früh nicht in einen Rahmen gepasst. Ich bin gerne der, der nicht in eine Schublade passt.

Kommen wir zurück zur Musik. Wie kommt man als Liechtensteiner Band zu einem deutschen Label? Diese Zusammenarbeit ist doch bestimmt ein riesiger Schritt für euch.
Das ist absolut unglaublich, stimmt! 2011 tourten wir mit einer Band, die bereits unter diesem Label arbeitete. Wir spielten gemeinsame Konzerte in Klagenfurt und Wien. Das war wirklich cool für uns. Darauf folgte ein Angebot des Labels, uns an einer Compilation zu beteiligen. Die Compilation gabs nur digital als Download und war ein Zusammenschnitt von Bands aus unscheinbaren Ländern: Indonesien, Iran, Irak… Liechtenstein hat natürlich voll in dieses Konzept gepasst. Diese Chance wollten wir nutzen. Seither haben wir immer wieder bei dem Label angefragt. Zuerst klappte es nur digital, das heisst wir standen unter Vertrag bei „Redfield Digital“. Das fanden wir schon voll cool, denn nun hatten die Leute überall auf der Welt die Möglichkeit, TAPED zu hören. Später nahmen wir auf eigene Faust ein Album auf, denn das Label hatte kein Interesse, uns finanziell zu unterstützen. Wir nahmen also das Album auf, gaben alles, haben aus mehr oder weniger eigener Tasche 15’000 Franken investiert. Wir produzierten in Deutschland und zwar bei einem, der auch schon für „Redfield“ produziert hatte. Dann haben wir das fertige Album an das Label geschickt. Ewig lange haben wir überhaupt nichts gehört. Doch irgendwann kam dann das Feedback. Sie fanden unser Album voll geil und wollten uns unter Vertrag nehmen, dieses Mal aber beim richtigen Label „Redfield Records“.

Das heisst?
Wir sind jetzt seid rund fünf Jahren als Band unterwegs. Wir wollten von anfang an zu diesem Label. Jetzt haben wir es geschafft. Das ist unglaublich. Das ist so krass!

Was verändert die Zusammenarbeit mit Redfield Records für euch?
Es gibt natürlich etwas mehr Druck. Nicht, dass die uns im Nacken sitzen, wir haben nach wie vor sehr, sehr viel künstlerische Freiheit. Das Label pusht uns mit Marketing, Vertrieb und Promotion und schafft Kontakte, beispielsweise zu Musik-Magazinen.

Wann ist Album Release?
Am Freitag, 13. Februar im Schlachthaus in Dornbirn. Das wird grandios.

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Was ist denn genau euer Ziel? Was wollt ihr als Band erreichen?
Der Weg ist das Ziel! Wir wollen geniessen, was wir haben und jeden Moment als etwas Spezielles sehen. Klar, irgendwann würden wir gerne von der Musik leben. Aber wir sind auch sehr realisitisch. Es gibt sehr, sehr wenige Bands, die das erreichen, denn unsere Musik bedient eine extreme Subkultur. Im Ernst: Dieses Album „Empires“ ist unser Fundament. Darauf baut sich alles auf, was jetzt kommt. Wir wollen den jungen Menschen da draussen sagen, dass sie an sich glauben sollen. Niemand hat das Recht jemandem seine Träume auszureden. Man muss auch nicht aus einer Grossstadt kommen, um seine Träume zu verwirklichen. Aber man muss an sich glauben, immer wieder aufstehen. Erst wenn man alles probiert hat, wirklich alles, kennt man die Antwort. Auch mir wurde schon nachgesagt, ich sei verbissen. Aber ich sage: die Musik ist meine Leidenschaft. Dafür gebe ich alles. Dafür lebe ich. Keep running!

Vielen Dank für das Gespräch!

Text: Sleepless Sheep
Bilder: Taped / Yannick Zurflüh / yz photography

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