Ginger Concept Store

What’s your Story

Wer sagt denn, dass es all die Kreativen, die Künstler, die Jung-Unternehmer und die Quer-Denker weg vom Land, hinein in die Städte dieser Welt zieht? Wer behauptet, wir auf dem Land seien träge, zögerlich, immer ein paar Jahre zu spät dran? Sleepless Sheep porträtiert in der Rubrik „What’s your Story“ interessante, spannende, authentische Menschen unserer Region, die viel Herzblut in ihr Projekt stecken und uns inspirieren. Möge sich „What’s your Story“ fleissig vermehren und verbreiten und ganz viele Menschen inspirieren.

# Porträt 5

Simone Büchel

Ihr ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, für „what’s your story“ in den Mittelpunkt gerückt zu werden. Dabei weiss sie natürlich, dass dies nun Teil ihres Jobs ist. Seit Oktober vergangenen Jahres steht Simone Büchel jeden Morgen auf, um ihrer Arbeit als Juristin nachzugehen. Nach dem Mittagessen schlüpft sie in eine andere, ihre neue Rolle. In die, die schon seit vielen Jahren in ihr schlummert. Die Eröffnung der Modeboutique „Ginger“ in Vaduz ist deshalb weniger ein grosser Traum der in Erfüllung geht, denn mehr die logische Konsequenz der Kreativität und des persönlichen Stils der Jung-Unternehmerin.

ginger10

Sleepless Sheep: Du sagst, dass du nicht so gerne im Mittelpunkt stehst.
Simone Büchel: In meinen bisherigen Tätigkeiten als Juristin war ich eher im Hintergrund tätig. Diese Rolle gefällt mir ganz gut. Ich muss nicht unbedingt in der vordersten Reihe stehen, obwohl ich bei meinem Teilzeitpensum als Dozentin an der Uni Liechtenstein auch vor viele Leute treten muss. Das macht mir Spass, aber es ist nicht so, dass ich mich unbedingt selber präsentieren muss.

Das heisst, als Inhaberin deiner eigenen Modeboutique kommst du jetzt auch in eine Rolle, die dir persönlich nicht unbedingt behagt.
Genau. Allerdings war ich kürzlich an einer öffentlichen Veranstaltung und habe dort realisiert, dass sich die Leute wirklich für mich und die Boutique interessieren. Viele wissen nicht genau, was wir im Ginger verkaufen und finden spannend zu hören, dass wir uns auf skandinavische Marken spezialisiert haben. Meine Einsicht nach diesen Gesprächen war, dass ich die Leute informieren kann, ohne aufdringlich zu wirken.

War das dein Unbehagen, aufdringlich zu wirken?
Absolut. Aber dem ist nicht so, das weiss ich jetzt. Viele kennen mich aus dem Treuhandbereich, von der Uni, als Juristin. Sie finden es spannend, dass ich mich jetzt in diesen zwei komplett unterschiedlichen Welten bewege.

ginger5

Auch ich finde das spannend. Apropos: Wie kamst du zu Ginger?
Ich habe längst realisiert, dass die Juristerei nicht das ist, was ich mein Leben lang machen möchte. Wie bei vielen war es auch bei mir so, dass ich als junge Frau nicht wusste, was ich machen sollte. Also habe ich angefangen, Kommunikationswissenschaften in Zürich zu studieren. Doch schon bald wechselte ich – aus verschiedenen Gründen – zum Jus-Studium, das ich in Wien durchgezogen habe. Ich habe mich aber die ganzen Jahre nie ganz dazugehörig gefühlt. Mir fehlte immer ein Ziel, das ich mit diesem Studium verfolgen wollte. Alle Studenten um mich herum hatten Ziele, bei mir hat sich planlos einfach immer eines nach dem anderen ergeben. Schon während des Studiums interessierte ich mich aber sehr für Möbel, Mode und den skandinavischen Lifestyle.

Möbel?
Ja, in Wien holte ich oft Möbel aus Brockenhäusern oder von der Caritas und restaurierte sie daheim. Meine Mutter sagt, ich habe das im Blut, denn mein Grossvater war Möbelschreiner. Das Arbeiten mit den Händen, mit Holz, schöne Möbel, schöne Räume… das fasziniert mich. Innenarchitektur hätte mich interessiert, aber das traute ich mir damals, nach der Matura, nicht zu.

Wie ging es weiter?
Das Studium habe ich 2002 in Wien abgeschlossen. Danach kam ich zurück nach Liechtenstein und habe einige Zeit hier gearbeitet, bevor ich wieder zurück nach Wien ging. Insgesamt lebte und arbeitete ich etwa zehn Jahre in Wien. Auch dann noch, als ich anfing, als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Uni Liechtenstein zu arbeiten. Das war super, aber nach sechs Jahren Uni brauchte ich einen Wechsel. Ich beendete dieses Arbeitsverhältnis 2014, ohne schon etwas Neues zu haben. Kurz darauf habe ich erfahren, dass diese Modeboutique – die Vorgängerin von „Ginger“, in der meine Mutter hin und wieder aushalf – schliesst. Wir wurden angefragt, ob wir Interesse hätten, die Boutique zu übernehmen. Mein erster Gedanke war: Nein!

Obwohl du dir damit theoretisch einen Traum hättest erfüllen können?
Es war nicht wirklich ein grosser Traum von mir, meine eigene Boutique zu eröffnen. Aber ja, der Gedanke an etwas Eigenes, Kleines, das ich nach meinen Vorstellungen gestalten könnte, das hat mir schon gefallen.

Die Anfrage setzte also einen Prozess in Gang. Was waren dabei deine Überlegungen?
Ich wusste, dass ich nicht wie meine Vorgängerin weitermachen wollte. Sie hatte sehr schöne, aber auch sehr exklusive Kleider im Angebot. Auch das Ladenlokal wollte ich etwas anders gestalten. Irgendwann hatte ich plötzlich alles ganz klar vor Augen. Ich sagte mir: wenn nicht jetzt, wann dann? Es wurde mir ja quasi serviert auf dem Silbertablett. Plötzlich wusste ich gar nicht mehr, weshalb ich zuvor so lange gezweifelt hatte.

Wie lange dauerte es von dieser Entscheidung bis zur Eröffnung?
Ungefähr fünf Monate.

Das ist recht kurz, ihr habt Gas gegeben. Wie seid ihr vorgegangen?
Meine Mutter, meine Schwester und ich überlegten zuerst, welche Marken wir behalten wollten. Danach war mir wichtig, das Preis-Segment runter zu bringen. Da ich ein grosser Fan des skandinavischen Lifestyles bin, war für mich rasch klar, dass ich diesen Spirit in mein Geschäft reinbringen wollte. So setzte ich mich ganz unprofessionell vor den Computer, googelte skandinavische Marken und schrieb diese einfach an. Ich hatte Glück, dass ich dadurch auf eine Agentur in Zürich gestossen bin, die mir behilflich war. Ich hätte auch gerne regionale Mode ins Sortiment aufgenommen, aber da ist die Zeit noch nicht ganz reif dafür.

ginger1

Im September 2014 habt ihr eröffnet. Kannst du heute – nach den ersten Monaten – sagen, es ist so geworden, wie du’s dir vorgestellt hast?
Ich bin kein Mensch, der sich viele Vorstellungen macht. Es kommt, wie es kommt. Doch ich kann sagen: es ist besser geworden, als ich gedacht hätte. Ich habe so viele unterschiedliche Menschen kennengelernt und auch mit Geschäftspartnern habe ich nur positive Erfahrungen gemacht. Das Klischee der oberflächlichen Modewelt kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil. Lieferanten sowie Kunden zeigen sich ausschliesslich wohlwollend und interessiert. Natürlich ist das Klientel hier ganz anders als bei meinem Job als Juristin. Ich muss mich umstellen, wenn ich nach dem Mittagessen hierher komme. Aber es gelingt mir schon sehr gut. Ich komme zur Türe rein und lege alles andere ab.

ginger2

Gibt es Dinge, die du dir einfacher vorgestellt hast?
Die Buchhaltung und das ganze Abrechnungswesen (lacht.). Ich konnte nicht einschätzen, wie viel Arbeit das tatsächlich verursacht. Aber eigentlich ist es ganz gut so: hätte ich bis ins Letzte gewusst, was auch mich zukommen wird, vielleicht hätte ich den Schritt dann doch nicht gewagt. Teilweise habe ich gemerkt, dass ich von meinem Wissen her an Grenzen komme und nicht alles selber machen kann. So habe ich Hilfe von Fachpersonen beigezogen.

Gab es einen Businessplan?
Es gab einen halben Businessplan (lacht.). Die Finanzierung habe nicht bis ins letzte Detail durchgeplant. Allerdings habe ich während der Zeit, als ich nicht gearbeitet habe, bei der Uni Liechtenstein an einem Businessplan-Training teilgenommen. Da habe ich viel gelernt. Ich muss aber auch sagen: ohne meine Mutter und auch meine Schwester könnte ich den ganzen Aufwand nicht bewältigen. Wir ergänzen uns sehr gut.

Hat sich die Beziehung zu deiner Mutter verändert, seit ihr zusammenarbeitet?
Nein. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis und sind uns recht ähnlich. Wir nehmen nicht alles so schwer und als vor der Eröffnung dieses und jenes nicht geklappt hat, sagten wir uns: solange niemand krank oder gestorben ist, ist alles nicht so schlimm. Wir waren in der Vergangenheit mit Tod und Krankheit konfrontiert. Das relativiert vieles. So negativ das alles ist, man lernt auch daraus. Ich kann heute sagen: mich bringts so schnell nichts aus dem Konzept.

Wen sprecht ihr mit eurer Mode an?
Wir sprechen Frauen an, die Spezielles suchen und ebenfalls eine Vorliebe für den skandinavischen Style haben. Die skandinavische Mode ist eher schlicht und dabei gleichzeitig vom Schnitt her besonders. Sie tragen ihre Sachen gerne eher oversized und légèr. Auch die Farben sind eher schlicht. Sie arbeiten dafür gerne mit Accessoires, wie Schmuck, Taschen, Schals etc. Wer also knallige Farben mag, wird bei uns eher nicht fündig. Unsere Mode ist für natürliche Frauen, die sich gerne stylen und ihre Kleidung sowohl elegant oder sportlich kombinieren.

ginger8ginger3

Secondhand ist bei Ginger auch ein Thema.
Ich mag Secondhand, vor allem die Idee, die dahintersteckt. Es macht doch Sinn, dass jemand, der etwas Schönes nicht mehr braucht, jemand anderem damit eine Freude bereitet. Doch komischerweise wird das hier noch ganz unterschiedlich aufgefasst.

Was wünscht du dir für die Zukunft?
Ich habe mir über die Zukunft noch gar nicht so viele Gedanken gemacht. Momentan läuft es einfach. Ein paar Tage nach der Eröffnung von Ginger, also im Oktober 2014, habe ich meinen neuen Halbtagsjob als Juristin angetreten. Das heisst, noch ist alles neu für mich und ich bin mich rundherum noch am Einleben. So wie es ist, ist es gut. Wir müssen sicher ein Jahr abwarten um zu sehen, ob wir so weitermachen können oder ob wir etwas verändern müssen. Sollte alles gut weiterlaufen, könnte ich mir vorstellen, dass wir das Sortiment noch mit Accessoires aus Einrichtungsbereich ergänzen. Ich wünsche mir einfach, dass es weiterhin gut läuft und dass wir gerne und voller Freude in unsere Boutique kommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Modeboutique Ginger
Fürst-Franz-Josef-Strasse 67
9490 Vaduz

Öffnungszeiten:
Montag geschlossen
Dienstag bis Freitag 13.30 Uhr bis 18.30 Uhr
Samstag 10.00 bis 15.00 Uhr

Text und Fotos: Sleepless Sheep

 

aktuelle Beiträge

Archiv

Kategorien

Letzte Kommentare

    Written by:

    Be First to Comment

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *