hoi-laden, vaduz

What’s your Story

Wer sagt denn, dass es all die Kreativen, die Künstler, die Jung-Unternehmer und die Quer-Denker weg vom Land, hinein in die Städte dieser Welt zieht? Wer behauptet, wir auf dem Land seien träge, zögerlich, immer ein paar Jahre zu spät dran? Sleepless Sheep porträtiert in der Rubrik „What’s your Story“ interessante, spannende, authentische Menschen unserer Region, die viel Herzblut in ihr Projekt stecken und uns inspirieren. Möge sich „What’s your Story“ fleissig vermehren und verbreiten und ganz viele Menschen inspirieren.

#Porträt 7

Cornelia Wolf

Im Herzen war sie schon immer eine Gestalterin. Doch ihr Weg führte sie erst von einer kaufmännischen Lehre über verschiedene Anstellungen als Grafikerin, bis sie die Chance erkannte und sich als Teil eines Teams mit einem Souvenir-Shop in Vaduz selbständig  machte. Auf den ersten Blick mag ihre heutige Tätigkeit nicht viel mit Gestaltung zu tun haben. Aber wie immer, lohnt sich auch hier ein zweiter Blick. Cornelia Wolf: eine liebenswerte, unglaublich kreative Frau mit ganz viel Talent und Tatendrang.

hoi_8

Cornelia Wolf: Sie wagte den Schritt in die Selbständigkeit und führt heute – gemeinsam mit zwei Partnern – einen besonderen Souvenirshop in Vaduz.

SleeplessSheep: Dein Weg von der Grafikerin zur Inhaberin eines Souvenir-Shops in Liechtenstein ist ungewöhnlich. Wie kam es dazu?
Cornelia Wolf: Von aussen mag mein Weg ungewöhnlich erscheinen. Für mich ist es das eigentlich nicht. Ich liess mich schon immer gerne inspirieren von den kleinen, individuellen Shops hier oder sonst wo in der Welt. Ich stöbere gerne im Internet, liebe Design-Blogs und irgendwie haben ja auch Souvenirs mit Gestaltung zu tun. Nur gestalte ich jetzt halt Produkte, anstelle von Broschüren. Klar, es ist nicht genau das gleiche und ich stecke immer noch in einem Lernprozess, aber das Gestalten von Dingen gefällt mir sehr.

Gibt es Blogs, die dich besonders inspirieren?
Mir gefällt zum Beispiel TED mit den vielen inspirierenden Vorträgen. Oder „SwissMiss“. Auch sie, Tina Roth Eisenberg, arbeitete zuerst in einer Agentur. Dann wollte sie ihr eigener Kunde sein. Das finde ich spannend. Auch ich wollte mich selbständig machen. Nur dachte ich damals noch daran, Kundenaufträge anzunehmen. Doch dann kam plötzlich die Chance mit dem Hoi-Laden.
hoi_12

Hoi Liechtenstein ist eine Souvenir Boutique mit Geschenken, Andenken und Accessoires, welche einen Bezug zu Liechtenstein oder der Region haben.

Wie, plötzlich? Ich habe durch Umwege Florian Batliner getroffen, der mir von seiner Idee erzählte und mich fragte, ob ich mitmachen wolle. Mir gefiel die Idee auf Anhieb. Sich Sachen ausdenken, umsetzen, hoffentlich auch verkaufen, diesen Prozess finde ich sehr spannend. Natürlich bekommen wir jetzt auch viele Rückmeldungen von Kunden, auf die wir eingehen. Wir machen also nicht nur das, was wir unbedingt persönlich kaufen würden (lacht.).

Wie kann ich mir deinen Arbeitsalltag konkret vorstellen? Meine beiden Geschäftspartner, Florian und Sanel Batliner und ich, haben einmal pro Woche eine fixe Skypekonferenz. Wir sind räumlich getrennt, deshalb. Sanel und ich sind zwar in Liechtenstein, aber Florian arbeitet in München. Deshalb telefonieren wir via Skype. Wir haben ein digitales Ideenbrett, da kommen die neuen Sachen rauf. Aber natürlich können wir nicht nur Ideen kreieren, sondern müssen auch schauen, wie es um die Auftragslage steht oder um die Finanzen. Ich persönlich verbringe meine Tage im Hoi-Laden und derzeit noch daheim in meinem Büro.

Wie seid ihr aufgeteilt? Wer macht was? Ideen bringen wir alle ein. Klar, wenn wir unterwegs sind und etwas entdecken, machen wir ein Bild oder Screenshot. Wir erfinden ja das Rad nicht immer ganz neu. Manche Dinge sind einfach adaptiert auf unser Land oder das Geschehen hier. Es ist ein Prozess, bis etwas wirklich umgesetzt wird und dauert manchmal recht lange. Sanel ist für die Buchhaltung zuständig. Am Anfang hab ich zwar auch die Buchhaltung gemacht, aber das wurde mir dann schnell zuviel. Ich selber bin mit unserer Mitarbeiterin Caroline im Laden präsent, da gibt es nebst dem Verkauf natürlich auch immer ganz viele Dinge zu tun wie Abstauben, Aufräumen, Nachbestellen, Putzen, alles wieder schön herrichten. Da geht viel Zeit drauf, das haben wir völlig unterschätzt. Florian hat Medienwissenschaften studiert und arbeitet heute in der Informatik. Sein Part ist es, Werbefilme und ähnliches für die Website zu gestalten und generell den ganzen Webbereich sowie unser Warenwirtschaftssystem zu warten und im Auge zu behalten. Insgesamt verfügen wir momentan über 170 Stellenprozente.

Du sagst, ihr habt den Aufwand unterschätzt. Hatte das Auswirkungen auf euer Team? Gab es Turbulenzen? Turbulenzen im Team gab es zum Glück keine grösseren bisher. Allerdings gab es einige Diskussionen. Das hatte aber auch mit dem Budget zu tun, das uns nicht über die ersten zwei Jahre hinaus gereicht hat. Wir mussten nochmals Geld reinstecken, einfach weil wir gemerkt haben, dass wir nicht jeden Monat unser ganze Lager verkaufen können. Das hatten wir durch unser Unwissen im Handel falsch kalkuliert. Wir haben auch unterschätzt, dass nicht jedes Produkt gleich gut ankommt.

Habt ihr noch mehr Lehrgeld bezahlt? Wir haben sicher einige Fehlinvestitionen gemacht, Dinge falsch berechnet, aber es hat uns zum Glück nicht gleich den Kopf gekostet. Am Anfang konnte ich mich den ganzen Tag um die neuen Produkte kümmern. Aber als dann der Laden offen war, hatte ich natürlich nicht mehr soviel Zeit. Ich musste mich ja um den Verkauf kümmern. Es war notwendig, dass die Jungs selber mal im Laden stehen um zu verstehen, dass wir nicht den ganzen Tag nur Kaffee trinken und mit Leuten schwatzen (lacht.). Seither ist das Verständnis viel grösser. Beide sehen, was es heisst, den ganzen Tag im Laden zu sein. Wir haben auch unterschätzt, dass wir nicht in erster Linie ein Laden für Touristen sind. Die Zielgruppe hat sich völlig verändert. Heute kommen vor allem Einheimische in den Hoi-Laden, aber die wollen auch viel häufiger eine neue Kollektion sehen.

hoi_1

Kreativität kennt keine Grenzen…

Das war also alles ein richtiger Sprung ins kalte Wasser. Florian suchte noch jemanden, der gestalterisch tätig sein könnte. Seine Schwester hat mich dann empfohlen. Also traf ich mich mit Florian und da ich mich zu jener Zeit sowieso selbständig machen wollte, fand ich die Idee spontan super. Ich habe dann relativ schnell gekündigt. Wir schrieben gemeinsam einen Businessplan, entwickelten die ersten Produkte, fuhren auf Messen und waren grundsätzlich offen für alles in diesem Bereich. Insgesamt ging es vom ersten Treffen bis zur Eröffnung ungefähr ein Jahr.

Heute seid ihr mitten im Zentrum im Städtle Vaduz. Das Ladenlokal war ein richtiger Glücksfall. Einerseits, weil wir das Vertrauen der Inhaber bekamen und auch, weil wir uns die Miete leisten konnten und die Lage besser für uns nicht hätte sein können. Es war ein absoluter Glücksfall.

Kannst du uns sagen, wie viel ihr effektiv investiert habt? Wir haben eine AG gegründet, dafür braucht es 50’000 Franken. Wir haben als Ersteinlage 60’000 Franken investiert, jeder von uns 20’000 Franken. Wir sind auch alle drei gleich beteiligt zu 33,333 Prozent. Mittlerweile haben wir die Zahl noch etwas aufgerundet. Ich selber habe eine Zeit lang auf meinen Lohn verzichtet, was sich dann als Einlage auf mein Inhaberkonto niederschlug. Auch das haben wir unterschätzt: Eigentlich hätten wir mit einem höheren Startkapital anfangen sollen, damit wir etwas längeren Atem gehabt hätten und etwas freier hätten arbeiten können.

Andererseits? Andererseits ist es auch gut, so wie es ist. Stück für Stück, denn sonst gibst du am Schluss alles aus und die Einlagen steigen immer weiter. Auch das musste ich lernen, die Relation zu Geld. Ich würde niemals mehr ein Geschäft starten, ohne von Anfang an einen fixen kaufmännischen Partner mit im Boot zu haben. Jemand, der das ganze kaufmännische von Anfang an mitträgt und darauf achtet, dass keine gröberen Fehler passieren. Lagerbestände, Offertvergleiche, Preiskalkulationen und so weiter. Es hätte ja auch sein können, dass ich schon im ersten Jahr alles in Grund und Boden geritten hätte (lacht laut.)

hoi_3

Das Fürstenhemd… mit Bild der Fürstenfamilie.

Gab es denn einen Plan B? Als es nicht immer so reibungslos lief, wie wir uns das vorgestellt hatten, kamen schon manchmal die Gedanken auf, dass wir im schlimmsten Fall vielleicht wieder aufhören müssen. Obwohl: das Schlimmste daran wäre gewesen, dass jeder seine Geldeinlage in den Sand gesetzt hätte. Damit hatten wir ja von Anfang an rechnen müssen. Wir sagten uns immer: Eine Masterausbildung kostet in etwa dasselbe. Wenn es nicht funktioniert, dann machen wir halt etwas anderes. Aber eben, die Aussage, ein neues Geschäft aufzubauen benötige drei bis fünf Jahre, kommt nicht von ungefähr. Das ist einfach so. Man braucht definitiv Geduld und Durchhaltewille.

Du bist ein äusserst kreativer Mensch. Was betreibst du gerne nebst deinem Geschäft? Ich war immer schon jemand, der gerne viele Sachen gemacht hat. Seien dies Kurse, mein Einsatz für den Kunstverein Schichtwechsel, eine eigene Bademantelkollektion… Sachen halt. Ich bin schnell für viel zu begeistern, Langeweile kenne ich nicht. Ich bin sehr froh, dass ich mit Rainer einen Partner habe, der mich darin unterstützt. Natürlich bin ich jetzt durch den Laden gebunden und muss mich an fixe Arbeitszeiten halten. Aber das macht mir eigentlich nichts aus. Meistens. Meine Eltern unterstützen mich ebenfalls im Geschäft und mit Caroline Sprenger haben wir eine tolle Mitarbeiterin im Laden. Nochmals ein richtiger Glücksfall!

Was hat der Hoi-Laden mit dir, aus dir gemacht? Ich bin sicher offener geworden. Es ist schon etwas anderes, ob du an der Front stehst, oder daheim im stillen Kämmerlein deine Sachen gestaltest. Ich muss mich und den Laden so gut wie möglich präsentieren und musste mich in dieser Hinsicht öfters überwinden. Am Anfang war es sehr schwer, aber jetzt geht es immer besser. Schliesslich muss ich nicht mich selber, sondern ich darf unsere Produkte präsentieren. Dadurch bin ich auch aktiver geworden. Ich habe gemerkt, ich kann den Leuten vom Laden erzählen, ohne lästig oder aufdringlich zu sein. Heute nehme ich Gelegenheiten wahr: sei es für Zeitungsinterviews oder ein Referat.

Wenn du dir drei Sachen wünschen könntest, was wäre das? Dream big! Ich hoffe, dass es in fünf Jahren unser Geschäft noch gibt. Obwohl ich nicht davon ausgehe, dass ich das in dieser jetzigen Form ewig mache oder es ewig so fortbesteht. Dinge verändern sich. Ich erlaube mir also durchaus auch zu scheitern. Oder etwas ganz anderes zu machen, wenn ich glaube, dass ich nicht mehr das beste für die Sache geben kann. Ich glaube, wenn man sich zu sehr an etwas krallt und nur die Ewigkeit vor Augen hat, dann ist das der Tod. Auch möchte ich gerne Dinge tun, die einen Mehrwert bringen und fair sind. Klar, die Welt braucht vielleicht keinen neuen Geschenkladen, aber wir möchten, dass sich die Leute über schöne Dinge freuen können. Und diese sollen möglichst fair und nachhaltig produziert sein. Ein Umfeld, mit dem ich fortzu all meine Ideen und Träume umsetzen kann, also so ein swissmiss-mässiges Büroteam, das würde mir schon gefallen (lacht.) Ich arbeite darauf hin.

Du redest viel von Vorbildern. Das stimmt. Ich lasse mich gerne inspirieren. Momentan sind das einige Frauen, das ist aber unbewusst. Sina Trinkwalder und ihre Augsburger Textilfabrik oder meine ehemalige Bürnachbarin Tanja, die am Telefon 10’000 Apfelschneider verkaufte an einem Nachmittag, als der Computer kaputt war und mir dadurch zeigte, was durch Eigeninitiative möglich ist. Oder auch Anna Bond, deren Erfolgsgeschichte ich sehr bewundere. Es gibt aber auch im nahen Umfeld Persönlichkeiten, die ich bewundere. Meine Grossmutter, die eine sehr starke Frau war. Meine Freundin Laura, mit der ich viel zusammen im Kunstverein gelernt habe. Ruth Büchel, die uns das Geschäft vermietet und die ich sehr schätze.

Was geben dir diese Frauen? Ich lese gerne über deren Geschichten oder erinnere mich in hektischen Zeiten an starke Aussagen oder Zitate von ihnen. Mir gibt das Kraft. Ich finde auch, man soll sich an den Besten orientieren, selbst wenn man dieses Level vielleicht nie so erreicht. Von ihnen kann man viel lernen.

Ist dir auch schon der Gedanke gekommen, dass auch du andere inspirieren kannst? Oh, das weiss ich nicht (lacht.)

hoi_7

Caroline Sprenger (links) ergänzt das Team im hoi-laden. „Ein Glücksfall“, sagt Inhaberin Cornelia Wolf (rechts).

Hast du aufgrund deiner persönlichen Geschichte und Erfahrung einen Rat für andere, die heute vor der Entscheidung stehen, sich selbständig zu machen? Ich denke, wer eine Idee und die Möglichkeit hat, sollte es einfach tun! Machen! Sich nicht verzetteln! Dran bleiben! Ein gutes Team um sich bilden und mit Begeisterung und Leidenschaft an die Sache gehen! Wir leben hier ja doch in einer Art Paradies und die meisten haben – global betrachtet – unglaubliche Möglichkeiten. Sicher, man muss investieren, auch ich hätte es finanziell nicht ohne die Unterstützung meines Partners geschafft. Aber es gibt immer Möglichkeiten, seinen Lebensstandard runterzuschrauben, wenn man wirklich für etwas brennt! Meine Botschaft: Tu es! Sei fleissig. Lerne zu verzichten. Und hab viel Spass dabei. Das Schönste finde ich, wenn du deinen Tag nicht unterteilen musst in Privatzeit oder Arbeitszeit, sondern wenn der Tag gefüllt ist mit Lebenszeit.

Vielen Dank für das Gespräch.

Laden

Städtle 35
9490 Vaduz
Liechtenstein

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag
10-18:30 Uhr
Samstag
10-16 Uhr

www.hoi-laden.li

Hoi Liechtenstein ist eine Souvenir Boutique mit Geschenken, Andenken und Accessoires, welche einen Bezug zu Liechtenstein oder der Region haben. Die Produkte werden mit Liebe zum Detail entwickelt und mit Sorgfalt für die Kunden ausgesucht: Ein Stück Heimatgefühl als Geschenk für Familienangehörige, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen aus dem In- und Ausland oder für sich selbst.

Die Produkte sind weitaus mehr als eine reine Handelsware. Cornelia Wolf und ihre Partner  begleiten Sie von der Idee bis zum Verkauf und sind mit jedem einzelnen emotional verbunden. Es sind gerade die Geschichten hinter den Produkten, ihre Herstellung und ihre Materialien, die das Team und die Kundschaft begeistern.

Ihre Mission? Produkte zu haben, die liebevoll hergestellt und auch so verkauft werden. Produkte, hinter denen sie mit ganzem Herzen stehen.

Text und Bilder: Doris Büchel, sleepless-sheep.com

 

aktuelle Beiträge

Archiv

Kategorien

Letzte Kommentare

    Written by:

    Be First to Comment

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *