edith moser «handgeschriebenes»

What’s your Story

Wer sagt denn, dass es all die Kreativen, die Künstler, die Jung-Unternehmer und die Quer-Denker weg vom Land, hinein in die Städte dieser Welt zieht? Wer behauptet, wir auf dem Land seien träge, zögerlich, immer ein paar Jahre zu spät dran? Sleepless Sheep porträtiert in der Rubrik „What’s your Story“ interessante, spannende, authentische Menschen unserer Region, die viel Herzblut in ihr Projekt stecken und uns inspirieren. Möge sich „What’s your Story“ fleissig vermehren und verbreiten und ganz viele Menschen inspirieren.

#Porträt 8

Edith Moser

Zugegeben, es dauerte ein bisschen, bis sich der Kreis schloss. Doch wer die Geschichte meiner Freundin Edith Moser kennt, weiss, dass sich das Leben manchmal die Zeit nimmt, die es braucht. Nach intensiven Ausbildungen zur Drogistin und Krankenschwester, nach vielen Jahren als leitende Gemeindekrankenschwester, nach ihrer Genesung einer als unheilbar geltenden Neurodermitis, als Ehefrau und Mutter von drei Kindern, war die Zeit vor einem Jahr reif, sich selber wieder mehr Raum zu geben. Ihr Traum war simpel und schlummerte schon lange in ihr: Edith möchte Menschen mit Handgeschriebenem Freude bereiten.

SleeplessSheep: Edith, wie  kommt man darauf, aus seiner eigenen Handschrift ein Geschäftsmodell zu entwickeln?
Edith Moser: Ich habe schon als Kind in der Schule extrem gerne geschrieben. Besonders das Schönschreiben habe ich geliebt. Es war mir immer wahnsinnig wichtig, dass meine Schulhefte schön aussahen. Allerdings hat sich meine Schrift im Lauf der Jahre stetig verändert. Mal schrieb ich so, dann so… ich wusste aber immer, dass da noch was kommen musste, denn ganz zufrieden war ich nie. Erst vor fünf, sechs Jahren ist meine Handschrift so richtig angekommen.

Wie meinst Du das?
Ich denke, meine Handschrift hat mit meiner ganz persönlichen Entwicklung zu tun. Seit ich selber in meinem Leben «angekommen» bin, hat sich meine Schrift nicht mehr verändert. Sie wurde höchsten mutiger, konsequenter. Heute ziehe ich den Bogen selbstbewusst und überlege mir nicht mehr, ob das schön aussieht oder nicht.

Wie sehen Deine Aufträge aus? Was machst Du genau?
Ich beschrifte verschiedene Materialien, wobei grundsätzlich jedes Produkt ein Unikat ist. Dann habe ich meine eigene Kartenkollektion zu Themen wie Weihnachten, Hochzeit, Geburtstag, Liebe, Freundschaft oder traurige Momente, die gibt es in einer höheren Auflage. Auch von Hand beschriftete Geschenksideen wie Kerzenlichter oder Streichholzschachteln gehören zu meinem Sortiment. Ich erfülle aber auch Kundenaufträge. Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Manchmal klingelt es an meiner Haustüre und Leute erzählen mir ihre Ideen oder wollen einfach eine Karte oder ein Kerzenlicht kaufen. Neulich habe ich für eine Kundin ein Familiengebet auf wunderschönes Papier geschrieben. Es war ein Gebet der verstorbenen Grosseltern, das nun auf diesem Weg in der Familie weitergereicht wird. Für eine Bank durfte ich für jeden Mitarbeitenden eine Geschenktüte samt Inhalt für Weihnachten zusammenstellen. Eine Frau fragte, ob ich die Gipsbüste ihres schwangeren Bauches mit den Namen ihrer Zwillinge beschriften könnte. Oft sind es ganz kleine Sachen. Klein im Sinne von, nur ein Wort, ein Satz. Was den Leuten aber oft nicht bewusst ist: Der Aufwand ist trotzdem nicht zu unterschätzen. Ich gehe zu den Leuten hin, schaue mir das Objekt an, beurteile den Untergrund, teste Schreiber aus. Dadurch wächst aber auch der persönliche Bezug. Die Leute spüren, dass da etwas Besonderes passiert.
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Ich habe das erlebt, die Leute konsumieren bei Dir nicht einfach ein Produkt. Du gibst ihnen viel mehr.
Das überwältigt mich immer wieder. Ich spüre bei den Leuten eine ganz grosse Freude am Handwerk, an der Einfachheit. Sie fragen: Das ist Ihre Schrift? Haben Sie das gelernt? Und ich sage: Nein, ich habe das nicht gelernt, es ist eher ein Geschenk. Und so empfinde ich es auch, als Geschenk. Es hat vielleicht damit zu tun, wie digitalisiert und technisch die Welt heute geworden ist. Meine Arbeit ist ein extremer Bruch dazu. Viele erzählen mir, wie lange sie selber schon nicht mehr von Hand geschrieben haben. Dann wird es schnell emotional und sehr persönlich. Ganz ehrlich? Nur schon beim Erzählen wird mir ganz warm in der Brust. Ich bin einfach so glücklich, dass ich das machen darf.

Vor einem Jahr hast Du den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt. Davon geträumt hast Du aber schon lange. Warum hat es so lange gedauert?
Ich hätte wohl früher mit Dir reden müssen (lacht.) Tatsächlich passierte es an unserem Freundinnen-Wochenende. Ich erinnere mich genau: Wir lagen auf dem Bett, redeten und Du hast zu mir gesagt: So, jetzt reicht’s. Jetzt probierst du das! Wir haben uns dann gemeinsam Namen überlegt und ich habe meinem Mann direkt eine SMS geschickt mit der Bitte, den Namen zu registrieren. Das war der Startschuss. Losgelegt habe ich allerdings erst ungefähr dreiviertel Jahr später, als mein Jüngster in den Kindergarten kam.

Ich erinnere mich, dass da viele Zweifel waren.
Ich wusste nicht, ob ich das alles schaffen würde. Ob es überhaupt jemanden interessieren würde, was ich da mache. Ob ich mir genug Zeit freischaufeln könnte, um zu schreiben. Aber Du hast zu mir gesagt: «Edith, während du putzt und kochst und oder die Berge hochrennst, wird es in deinem Kopf immer rotieren. Der ganze kreative Prozess wird unbewusst stattfinden. Wenn du dann am Tisch sitzt, musst du nur noch ausführen, was dein Inneres Dir diktiert.» Das gab bei mir die Initialzündung. Heute kann ich sagen, es ist genauso. Ich bin eine schnelle Schreiberin. Wenn es fliesst, dann fliesst es. Ich komme dann fast in einen meditativen Zustand. Das ist so schön. Ich trage tausend Ideen in mir rum, stehe ständig unter Strom. Es fühlt sich an, als sei da eine unversiegbare Quelle in mir. Es ist faszinierend, einerseits ist da soviel Energie, andererseits zieht es auch Energie ab.

Erzähl…
Im November und Dezember habe ich unzählige Nachtschichten geschoben. Mein Energielevel war auf dem Höhepunkt. Ich war kreativ, erfüllte wunderbare Aufträge, ich war auf Wolke 7! Es funktionierte einfach. Ich habe nicht einmal realisiert, dass ich kaum zum Schlafen kam. Nach Weihnachten und Neujahr waren meine Batterien aber leer. Im Januar habe ich kaum mehr gearbeitet. Ich brauchte wohl diese Pause, spüre jetzt aber auch, dass die Lust zurückkommt. Ich möchte ganz vieles in Angriff zu nehmen.

Wie erfährt die Welt, dass es Edith Moser Handgeschriebenes gibt? Wo findet man Dich?
Ich nahm im vergangenen Jahr an zwölf Koffermärkten in unserer Region teil. So darf die Marke edith moser «handgeschriebenes» langsam wachsen. Sehr schön und wertvoll ist mein Kontakt zu Karin Gervasoni. Ich besuchte sie in ihrem wunderschönen Atelier Werkfrau am Walensee und zeigte ihr meine Produkte. Sie hat von anfang an an mich geglaubt und verkauft seither meine Karten und Kreationen in ihrem Atelierladen. Solche Menschen sind ganz wichtig – gerade wenn man noch am anfang steht. Sie helfen nicht nur dabei die Marke bekannter zu machen, sondern motivieren durch ihr Wohlwollen, geben Mut und Kraft. Ach ja, da ist natürlich auch der Online-Shop auf meiner Webseite.

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Was sind Deine Pläne, Ziele, Visionen?
Nach diesem ersten Jahr bin angekommen. Ich weiss, es funktioniert. Jetzt kann ich einen Moment innehalten, den Schweiss von der Stirne wischen und dann gestärkt weitergehen. Mein Ziel für das kommende Jahr? Ich möchte meinen Radius erweitern, vielleicht in Richtung Zürich gehen, nebst Koffermärkten auch an Kunsthandwerk-Messen teilnehmen. Einfach um zu sehen, wo ich hingehöre. Cool wäre, wenn Magazine meine Handschrift entdecken würden. So wie beispielsweise die Landliebe, die mit handgeschriebenen Quotes arbeitet. Oder ein Hotel, das meine Schrift fix in ihr Erscheinungskonzept aufnehmen würde.


Das hört sich stark und selbstbewusst an. Was ist aus Deinen Ängsten geworden?
Die meisten haben sich verflüchtigt. Was mich aber noch längere Zeit beschäftigt hat, war die Preisfrage. Welchen Wert haben meine Sachen? Welchen Wert gebe ich meiner Arbeit? Dieses unternehmerische Denken musste ich zuerst lernen. Mittlerweile habe ich meinen Preis, meine Preisstruktur gefunden. So passt es. Interessanterweise war das aber nur für mich persönlich ein Thema.

Apropos Preis – welche Investitionen brauchte es, damit Du loslegen konntest?
Ich benötigte eine Grundausstattung an hochwertigen Papiern und Karten. Mein Glück war es auch, dass ich Stephan Frey und Hanspeter Burkhardt von der Druckerei Parnassia in Vättis kennengelernt habe. Sie sind wahre Meister ihres Fachs und für mich eine enorme Inspirationsquelle was das Gespür für Papier und Druck betrifft. Sie haben für mich besonderes Papier beschafft, haben mich beraten, sich Zeit genommen. Aber die Suche hört wohl nie auf. So ist es auch mit Schreibern. Ich bin laufend auf der Suche nach dem Stift, der meinen Schwung perfekt unterstützt. Mittlerweile habe eine Vielzahl an Stiften: Fineliner, Füllfederhalter, Kalligraphie-Stifte, harte, weiche, Tinten aller Art. Ich finde meine Artikel in Papeterien, aber auch im Internet. Und ja, natürlich suche ich auch immer noch den perfekten Koffer, um meine Sachen schön zu präsentieren. Das ist ein laufender Prozess. Apropos Investitionen: Die grösste Investition war wohl die Webseite mit integriertem Online-Shop. Ich kann aber hocherfreut mitteilen, dass ich schon im ersten Jahr Pluszahlen schreiben konnte. Naja, nicht wahnsinnig viel, aber immerhin (lacht).

Wie arbeitest du konkret? Du bist Mami von drei Kindern, sehr sportlich, führst einen Haushalt… das stelle ich mir nicht einfach vor.
Meine Kinder sind 6, 8 und 11 Jahre alt. Mittlerweile habe ich das Haus jeden Morgen für mich alleine. Ich arbeite hier am Küchentisch. Hier breite ich mich aus, gerne abends, wenn alle schlafen. Am Morgen, beim Frühstück, muss halt alles wieder weichen. Dann wird aus der Edith Moser wieder die Mama (lacht.) Es ist schon nach wie vor ein Traum von mir, mich an einem Ort fix einzurichten. Wir haben ja im Haus noch dieses wunderschöne Büro, damit liebäugle ich natürlich. Aber die Zeit ist noch nicht reif, momentan ist das Büro noch anders belegt. Aber wer weiss… vielleicht gibt es ja mal einen kleinen Shop, ein Atelier daraus. Mit einer Kaffeemaschine natürlich.

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Gell, dieser Traum, etwas Eigenes zu haben, schlummert schon lange in dir.
Ja, das stimmt. Lange träumte ich ja von einer eigenen kleinen Drogerie. Für mich vermittelt der Gedanke an die Selbständigkeit das Gefühl einer unglaublichen Freiheit.

Rückblickend – was ist aus der Edith von vor einem Jahr geworden? Wer bist du heute?
Da muss ich wohl etwas ausholen. Ich war ja eine gestandene Berufsfrau, hatte viel Verantwortung, leitete Teams. Dann kam die Familie. Diese beanspruchte in den vergangenen Jahren den grössten Teil meiner Energie und Gedanken. Doch jetzt sind die Kinder ein bisschen älter und ich bekomme wieder mehr Raum. Diesen Raum kann ich jetzt mit etwas ausfüllen, das mich enorm bereichert und erfüllt. Es trägt mich. Ich darf mich langsam ein Stück lösen und mir erlauben zu sagen: Stop Kinder, jetzt ist Edith Moser dran. Sie haben schon verstanden, dass sie einen Teil Mami loslassen. Ich bin stolz auf meine Kinder, aber auch ein bisschen auf mich. Vielleicht hat es auch mein Selbstvertrauen nochmals gestärkt. Es ergibt einfach alles einen Sinn.

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Was ist deine Botschaft an jemand, der auch mit dem Gedanken liebäugelt sich selbständig zu machen?
Ich habe definitiv jemanden gebraucht, der mich in meinen Vorstellungen bestärkt. Der sagt: Du hast nichts zu verlieren, denn mit jeder Erfahrung lernst du dazu. Und daraus lernt man wieder etwas für die nächste Erfahrung. Heute sage ich: Sei mutig! Du hast nichts zu verlieren! Ich ermutige jeden, seine Gedanken zu teilen, Leute die bremsen einfach zu umgehen. Seien wir ehrlich: Life begins outside the comfort zone. Ich habe diesen Gedanken aus dem Crossfit und teile ihn absolut. Und wenn es nicht klappt? Das spielt keine Rolle. Klar, wer finanzielle Verpflichtungen hat, muss anders ran. Aber wenn es finanziell machbar ist, dann bitte mach! Und – ganz wichtig – es braucht eine Familie die dich trägt. Meine Familie, mein Mann, hat mich von Anfang an sehr unterstützt, mir immer wieder den nötigen «Schupf» gegeben, wenn ich wieder einmal einen Taucher hatte. Das ist so schön.

 

Danke Edith für das Gespräch.

Edith Moser
Bahnhofstrasse 57
8887 Mels

Telefon +41 79 738 77 06
www.edithmoser.ch

Text und Bilder: Doris Büchel, Sleepless Sheep.

 

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