Ingo Rasp Photography

What’s your Story

Wer sagt denn, dass es all die Kreativen, die Künstler, die Jung-Unternehmer und die Quer-Denker weg vom Land, hinein in die Städte dieser Welt zieht? Wer behauptet, wir auf dem Land seien träge, zögerlich, immer ein paar Jahre zu spät dran? Sleepless Sheep porträtiert in der Rubrik „What’s your Story“ interessante, spannende, authentische Menschen unserer Region, die viel Herzblut in ihr Projekt stecken und uns inspirieren. Möge sich „What’s your Story“ fleissig vermehren und verbreiten und ganz viele Menschen inspirieren.

#Porträt 10

Ingo Rasp, Chur

Der Zufall führte ihn nach Chur, wo er in einem Architekturbüro arbeitete, bevor er sich als Fotograf selbständig machte. Graubünden, insbesondere das Engadin, zog den passionierten Alpinisten bereits während seines Architekturstudiums in Konstanz magisch an. «Das Engadin ist eine der schönsten Gegenden Europas», sagt er. Kein Wunder, widmet er sein Werk heute vor allem dieser Region.

Sleepless-Sheep: Wir starten ganz simpel… wer bist Du?
Ingo Rasp: Ich bin Ingo, lebe in Chur und bin Fotograf.

Nun weiss ich zufällig, dass Du auch gelernter Schreiner bist und Architektur studiert hast. Welche Rolle spielen diese Berufe heute noch in Deinem Leben?
Als ich als 16-Jähriger die Schreinerlehre aufgenommen habe, konnte ich nicht ahnen, dass ich dereinst das Interesse an der Architektur entwickeln würde. Ebenso wenig wie ich ahnen konnte, dass ich während des Architekturstudiums die Liebe zur Fotografie entdecken würde. Im Nachhinein macht es absolut Sinn, dass das eine auf dem anderen aufgebaut ist. Es ist ganz wichtig, dass ich alles so gemacht hab, wie ich es gemacht hab. Jede Erfahrung, alle Fertigkeiten die ich mir aneignen konnte, haben mich dahin gebracht, wo ich heute bin.

Du definierst Dich heute vollkommen als Fotograf?
Absolut. Ich bin Fotograf. Ich werde aber immer auch Schreiner und Architekt bleiben. Einfach weil das Berufsbilder sind, die etwas schaffen, kreieren, machen. Der Schreiner baut Möbel, der Architekt plant Häuser, der Fotograf kreiert Bilder. Die Passion, etwas zu erschaffen, verbindet alles und alle.

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Bist du aufgrund Deines beruflichen Backgrounds heute ein besserer Fotograf?
Auf jeden Fall. Beim Schreinern lernst du sehr viel über Proportionen und Details. In der Architektur geht es auch um Proportione und Details, einfach im grösseren Massstab. Das alles fliesst heute in meine Fotografie mit ein. Für mich wäre es ohne das Architekturstudium und die Berufserfahrung unmöglich gewesen, Architekturfotografie ernsthaft zu betreiben und die Thematik kennenzulernen. Als rein externer Betrachter, ohne die in den Disziplinen vorher erlangten Kenntnisse und Einblicke, wäre mir der Zugang nicht möglich gewesen. Das hätte für mich nicht funktioniert.

Gibt es einen Schlüsselmoment in dem Du realisiert hast, dass die Fotografie mehr sein könnte als ein Hobby?
Ja den gibt’s. Interessanterweise war das während meiner Diplomarbeit für das Architekturstudium. Im letzten Semester habe ich die Liebe zur Fotografie entdeckt, weil ich Teile der Diplomarbeit fotografisch umgesetzt habe. Das war wohl der Grundstein.

Wie hat sich das geäussert?
Ich hatte teilweise verrückte Ideen, wie ich das Thema der Arbeit – «Die Veränderung der Wahrnehmung des Menschen in der Evolution» – fotografisch in Szene setzen könnte…

Pardon mein Einschub, aber was genau hat dieses Thema mit Architektur zu tun?
Das war ein spannendes Thema, weil es eine Mischung aus einem sehr theoretischen Teil und einem praktischen Teil gab. Bei der Umsetzung des praktischen Teils kam die Fotografie ins Spiel. Ich wollte zeigen, wie sich mit der veränderten Wahrnehmung der Menschen die Umgebung unterschiedlich gestaltet. Dazu habe ich den Evolutionsprozess auf sechs Basisstufen runtergebrochen und nachempfunden, wie die Wahrnehmung in den einzelnen Epochen war und wie sich diese auf die jeweilige Umgebung auswirkte. Ich habe meine Erkenntnisse dann quasi in Räume übersetzt.

Diese Evolutionsgeschichte ist auch wesentlicher Bestandteil deiner heutigen Fotografie.
Die Faszination für die Erdentstehung, das ist im Grunde das Hauptthema meines heutigen Schaffens.

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Das hat also schon damals im Studium in Dir geschlummert.
Spannend, so habe ich das noch nicht gesehen… aber ja, das ist wirklich so. Woher die Faszination kommt, weiss ich nicht. Diese ganzen Fragen, was vor uns war, finde ich einfach enorm spannend.

Kommen wir zurück zu diesem Schlüsselmoment. Du hast also realisiert, dass Du nicht Architekt, sondern Fotograf sein möchtest. Wie gingst Du vor?
Eigentlich war es, rückblickend gesehen, eine ganz schreckliche Zeit. Die Fotografie gilt eher als brotlose Kunst und mir war überhaupt nicht klar, wie ich das hätte in einen Broterwerb führen können. Ich hatte noch keine eigene Handschrift, keine wirkliche Persönlichkeit herangebildet, kein Thema gefunden. Da war einfach dieses unglaubliche Bestreben in mir, dass ich was in diese Richtung machen möchte, aber ich wusste noch nicht genau wie. Also habe ich einfach alles Mögliche fotografiert. Im Nachhinein war das eine ganz wichtige Phase. Ich habe meine Fähigkeiten gebildet indem ich Landschaften, Tiere, Hochzeiten, einfach alles fotografiert habe.

Du hast dich quasi ausprobiert.
Absolut. Das spielerische Ausprobieren war ganz wichtig für mich, vielleicht auch, um letztendlich mein Thema zu finden, die alpinen Strukturen. Parallel dazu habe ich einige Jahre in einem Architekturbüro in Chur gearbeitet und dabei auch in die Architekturfotografie einsteigen können. Das war eine sehr wichtige und spannende Zeit. So kam ich zu meinen ersten Referenzen. Im Verlaufe der Jahre wurde die Liebe zur Fotografie stärker und irgendwann war es konsequent zu sagen: Ich höre jetzt auf mit der Architektur und widme mich ganz der Fotografie. Es ging nicht mehr anders.

2015  Flims Switzerland

2015 Flims Switzerland

Du hast den Schritt ins Unbekannte gewagt.
Genau. Mein ganzes Umfeld hat diesen Schritt vermutlich dramatischer wahrgenommen als ich. Ich selber habe nicht wirklich darüber nachgedacht, was das für mich persönlich bedeuten könnte. Ich war allerdings Realist genug, um die richtige Balance zwischen Leben und Sparen hinzubekommen. Es ist aufgegangen und hat bis jetzt funktioniert (lacht).

Ganz konkret: Wie kamst Du zu deinen ersten Aufträgen?
Ich hab am Anfang eine Webseite gemacht und durch meine Arbeit im Architekturbüro bereits einen kleinen Kunden-Kreis gewinnen können. Der Rest ist stetig gewachsen durch Mund-zu-Mund-Werbung. Ich lernte dann auch privat zwei Menschen kennen, die in Schlüsselpositionen in Werbeagenturen tätig waren. Das war sicherlich ein glücklicher Zufall. So hat das angefangen im 2013.

Wenn Du auf die vergangenen vier Jahre zurückblickst, was fällt Dir dazu ein?
Das war eine wilde Zeit. Eine spannende Zeit. Eine schreckliche Zeit. Eine wichtige Zeit. Eine coole Zeit. Alles zusammen (lacht).

Kamen je Zweifel auf? Ich meine, dass Du Deine Entscheidung bereut hättest?
Nein, nie. Ich habe immer gewusst, dass es richtig war. Die Frage war (und ist) nur, wie kann ich meine Fotografie weiterbringen? Verbessern? Perfektionieren? An der Aufgabe wachsen? Mich noch besser etablieren? Einfach, damit ich das noch möglichst lange machen kann. Ich liebe das Fotografieren. Es ist eine Herzenssache, meine Passion.

Wie hat sich Dein Gefühl verändert? Stehst Du heute anders auf als früher?
Ich könnte jetzt natürlich ein Künstlerleben führen, am Morgen etwas länger liegen bleiben. Aber die Frage stellt sich nicht für mich. Ich habe einen absoluten Schaffensdrang. Die Handbremse ist gelöst, jetzt kann ich richtig Gas geben. Ich freue mich jeden Morgen aufs Aufstehen. Das ist schon krass.

2015  Calanda Switzerland

2015 Calanda Switzerland

Was ist mit dem Druck des selbständig Erwerbenden?
Der Druck ist natürlich da. Aber hält uns der Druck nicht auch am Leben? Am Denken? Du bist mit deiner eigenen Existenz auf diese Weise viel direkter konfrontiert, bist viel intensiver mit deinem Leben beschäftigt. Das kann man nun als Vorteil oder als Nachteil sehen. Ich sehe es als Vorteil. Mich inspiriert Druck. Er gibt mir Kraft und bringt mich zum konstruktiven Denken und lösungsorientierten Vorgehen. Unter Druck fühle ich mich wach und präsent.

Du hast ja nun auch Deine fotografische Handschrift gefunden.
Ich weiss nicht, ob «gefunden» das richtige Wort ist. Das Ganze ist eher ein Prozess. Aber ja, ich habe zumindest die Richtung und meinen Stil gefunden.

Kannst Du Deinen Stil beschreiben?
Das ist nicht einfach (überlegt lange.) Generell sind es ruhige und sorgfältig arrangierte Bildkompositionen ohne Effekthascherei. Meine Bilder zeigen in der Landschaftsfotografie eher das Reduzierte, Abstrakte und Zurückgenommene. Es geht häufig um Entstehungsgeschichtliches. Die Themen sind Landschaft, Erde, Strukturen und Prozesse… diese nehme ich dokumentarisch auf, aber stets mit einer gewissen Abstraktion und Atmosphäre. In der Architekturfotografie geht es mir darum, den Raumeindruck und die Raumwirkung authentisch wiederzugeben, in einer Kombination aus dokumentarischer und atmosphärischer Bildsprache.

Wie entstehen Deine wunderbaren Landschaftsbilder?
Alpinismus, Klettern, draussen sein, in die Berge gehen, fliegen… das sind meine weiteren Passionen nebst der Fotografie. Dass ich mich in diesen Strukturen bewegen und diese anfassen kann ist für mich ganz wichtig. Ich muss sie spüren, fühlen, ertasten. Wenn ich Dinge vom Helikopter aus fotografiere, dann bin ich da vorher immer zu Fuss unterwegs und erwandere oder erklettere mir die Motive. Ich muss selber dagewesen sein, um das wirklich wahrnehmen zu können. Ich denke, ich habe eine stark ausgeprägte subjektive Sicht auf die Dinge. Das versuche ich in meinen Bildern zu zeigen.

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Wie wichtig ist Dir Anerkennung für Deine Arbeit? Schliesslich sei jedem erlaubt, Deine Werke zu hinterfragen oder kritisieren.
Für mich war ein ganz wichtiger Prozess, mich von diesem imaginären Papa zu lösen, der dir früher immer auf die Schulter geklopft und gesagt hat: Bub, das hast du gut gemacht! Klar, ich gehe nicht trotzig oder naiv vor. Aber ich brauche diese Schulterklopfer nicht mehr. Ich wollte die Selbständigkeit und Eigenständigkeit. Es war eine bewusste Entscheidung. Dazu gehört auch, kritisiert zu werden. Je klarer dein Profil, desto klarer wird aber auch deine eigene Bestätigung für deine Arbeit. Und die beste Bestätigung ist sowieso, wenn du wieder gebucht wirst.

Wie weit würdest Du Dich für einen Kundenauftrag verbiegen?
Ich würde das nicht verbiegen nennen. Klar, man muss bei Auftragsarbeiten auch die Vorstellungen der Kunden berücksichtigen. Andererseits buchen sie dich ja aufgrund deines Stils. Es wäre zu egoistisch oder überheblich zu sagen: Das will ich und das mach ich! Es macht die Arbeit doch spannend, mit den Kunden in den Dialog zu treten und dann gemeinsam einen Rahmen zu erarbeiten.

Du hast im 2016 Dein eigenes Kunstmagazin «Alpine-Strukturen» lanciert und arbeitest derzeit an der Edition II. Es folgen auch die ersten Ausstellungen, unter anderem im Gustav, Raum für Alltagskultur in Vaduz oder in der Stadtgalerie Chur. Was erwartet die Gäste? Für wen ist die Ausstellung?
Das Magazin und die Ausstellungen sind für alle. Es gibt keine besondere Zielgruppe. Besonders spannend ist es wohl für Leute, die im Alpenraum leben und die Berge täglich sehen. Durch meine Betrachtung und die Art und Weise wie ich fotografiere, können sie «ihre» Berge aus einem anderen, neuen Blickwinkel sehen. Das finde ich spannend: Neues oder Bekanntes aus einem anderen Blickwinkel neu wahrzunehmen. Thema sind die entstehungsgeschichtlichen Prozesse der alpinen Strukturen.

Silver Lining No 1, Montalin Switzerland

Dein Gebiet ist Graubünden, richtig?
Alpine Strukturen könnte ich natürlich weltweit aufnehmen. Aber – unter uns – wenn ich nur zur Haustüre raus muss um eine unglaubliche landschaftliche Vielfalt zu entdecken, sehe ich nicht ein, weshalb ich nach Patagonien oder Island soll um zu fotografieren. Es wäre schade, weil ich die Schönheit vor der eigenen Haustüre noch nicht ausgeschöpft habe. Ich habe hier so viele Möglichkeiten, so viel Potenzial. Deshalb sehe ich noch nicht die Notwendigkeit, meinen Radius zu erweitern.

Wo führt Dich Dein Weg noch hin?
Eine gute Frage, auf die ich aber noch nicht wirklich eine Antwort weiss. Ich werde mit weiterhin mit den alpinen Strukturen befassen. Beim Tun schärft man seine Wahrnehmung. Das heisst, je mehr ich mich damit befasse, desto mehr sehe ich. Je tiefer ich eintauche, desto mehr kann ich daraus schöpfen. Heute gefragt ist kein Ende in Sicht. Das Thema wird mich noch mehrere Jahre beschäftigen. Ich freu mich drauf!

Vielen Dank für das Gespräch.

Protokoll: Doris Büchel
Bilder: Ingo Rasp Photography

Kontakt:
Ingo Rasp
Goldgasse 11
CH – 7000 Chur
studio{at}ingorasp.com

+41 (0) 76 72 429 43

Wenn Sie mehr über Ingo Rasp und seine Arbeiten erfahren, eines Ihrer Lieblingsbilder beziehen oder ihn für einen Auftrag engagieren wollen – zögern Sie nicht Ingo Rasp zu kontaktieren.

 

 

 

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