die fänin

Neue Kolumne: DIE FÄNIN – kleine Geschichten mit grossen Ambitionen

ab August 2017 jeden Donnerstag im »Werdenberger&Obertoggenburger«

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Fänin, die:
leidenschaftliche Anhängerin von jemandem, etwas

PS:
Dieses Wort steht nicht im Rechtschreibduden.
Dieses Wort gehört nicht zum Wortschatz des Zertifikats Deutsch

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#27: Heimat, kennsch?

Für Eine von diesseits des Rheins, die schon ein Hundeleben lang jenseits des Rheins lebt, sorgen Begriffe wie Identität oder Heimat zuweilen für ein Gnusch. Da stehst du jeden Morgen auf, schaust direkt hinüber, dahin wo deine Wurzeln sind, schaust zu diesen, deinen Bergen – Alvier, Margelkopf – und egal ob sich diese hinter dickem Nebel verstecken, ob sich der Himmel über ihnen hellblau wölbt, ob deren Hänge sattgrün oder weiss flimmern, sie sind immer da. Dann schaust du hinunter zum Rhein, der mehr ist als ein Fluss, ein flüssiges Silberband, Grenze zwischen zwei Ländern, und manchmal auch in dir.

Dann steigst du ein in dein Auto mit dieser schwarzen Nummer und lächelst, weil du dich erinnerst an die Zeit diesseits des Rheins, als auf deinem Auto noch eine weisse Nummer prangte, und wie du dich zuweilen gewundert hast über diese schwarzen Nummern, die es eben nur jenseits des Rheins gibt, also über diese Autos mit diesen schwarzen Nummern, also über diese Lenker dieser Riesenschiffe mit diesen schwarzen Nummern, also wie es diese nur schafften, mit lediglich siebzehn Versuchen ein einziges winziges Parkfeld zu treffen. Schenkelklopfer, kennsch? Dann fährst du hoch auf diesen Berg jenseits des Rheins, der mittlerweile auch dein Berg ist, und du fährst hoch bis es nicht mehr höher geht. Und du gehst in deine Beiz und die Menschen grüssen dich mit Namen, fragen, wie es dir gehe, wie es dem Liebsten gehe, was die Arbeit mache. Und du grüsst sie mit ihren Namen und fragst wie es gehe und siehst, wie aus deren Kindern Erwachsene werden und freust dich. Und dann kommt einer an deinen Stammtisch und sagt in diesem liebgewonnenen Dialekt der doch nicht deiner ist: «Etzt söttscht nono reda we aane vo üs». Und drückt damit bei dir auf einen roten Knopf. Weil, hallo? Dioba, diunna, dienna, diussa … Sprache? Identität? Heimat? Kennsch? Und auf dem Heimweg, wenn du vorbeifährst an Kirche und Friedhof, in diesem schönen Dorf jenseits des Rheins, das dein Daheim ist, wo es dir wohl ist, wo du bleiben möchtest, nicht nur, weil du so wunderbar hinübersiehst zu Alvier und Margelkopf, fragst du dich, wo dich eigentlich diejenigen, die dich überleben werden, dereinst besuchen werden. Diesseits? Jenseits? Ist es wichtig?

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Für Eine diesseits des Rheins, die schon ein Hundeleben lang jenseits des Rheins lebt, sorgen Begriffe wie Identität und Heimat zuweilen für ein schönes Gnusch. Kennsch?

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#25: Die zwei Seiten der Medaille

Das Schlechte an der Grippe ist, dass sie einen in die Knie zwingt. Dass sie einem jegliche Aktivität verwehrt, selbst dann, wenn man gar keine Aktivität geplant hat. Zum Glück reicht heute aber ein Blick auf Instagram aus um zu sehen was man alles verpasst: Die krassesten Skitouren, die fettesten Trail-Runs, die lustigsten Aprés-Ski-Partys, die unverschämt coolsten und faltenlosesten Menschen bei der Ausübung der verwegensten und wildesten Sachen an den besondersten und abgelegensten Orten der Welt.

Das Gute an der Grippe ist, dass sie einen in die Knie zwingt. Hätte sie das nämlich nicht getan, hätte ich nicht zwei Tage am Stück daheim an die Decke gestarrt. Hätte nicht mit den Zehen Fangen gespielt. Hätte nicht alle linken Maschen der Wolldecke gezählt. Nicht am helllichten Tag den Fernsehapparat eingeschaltet. Nicht gesehen, was die Sportskanonen in Südkorea so treiben. Diese Super-Frauen und Super-Männer mit ihren Super-Körpern und mentalen Superfokus-Fähigkeiten. Hätte nicht gesehen, was ich niemals zu erreichen im Stand sein werde. Nicht in einer Trillion Lichtjahre. Nie, nie, nie. Würde immer noch denken, ich sei ganz akzeptabel fit. Sportlich, im Grunde. Einfach mit Luft nach oben. Sehr viel Luft.

Es hätten zwei ruhige Tage werden können. Aber dann musste ich unbedingt anfangen, meine Fülle an Zeit mit Fragen zu füllen. Fragen zum Leben, so wie diese hier: Warum hat eigentlich unsereins keinen Coach? Einen, der uns an der Hand nimmt. Uns gut zuredet. Uns motiviert. So wie die Shorttracker, die gerade im Fernseher ihre Runden drehen und von ihren Coaches angefeuert werden als gäbe es kein Morgen mehr. Dabei sind es doch gerade wir Hundskommunen, wir Prokrastinasten, wir Labilen, die täglich unsere Kämpfe auszutragen haben. Gegen To-Do-Listen, Deadlines, Routine, Rotznasen, den Alltag, die Zeit. Es würde uns Normalsterblichen auch gut tun, wenn mal einer käme, uns tief in die müden Augen schauen und sagen würde: «Ich glaub an Dich! Du machst das gut! Du schaffst das! Du bist die Beste! So, und jetzt schnürst du deine Laufschuhe und rennst diese zehn Kilometer! Jawoll!» (Ghettofaust) «So! Und jetzt ausruhen! Massage! Jawoll!» (Ghettofaust) «Und jetzt schreibst Du diese Kolumne! Und zwar dermassen geistreich, klug und witzig zwischen den Zeilen, wie nur Du es kannst. Und vielleicht noch Max Küng! Jawoll!» (Ghettofaust).

Nur: Ich habe keinen Coach. Ich hab die Grippe. Und viele Fragen.

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#23: Koffer packen

Er packt seine Koffer für das Mega-Sport-Event, das die Welt in den kommenden drei Wochen beschäftigten wird. Einpacken darf er nur das Nötigste, denn die Auflagen des Veranstalters sind streng. Die Devise lautet deshalb zen-mässig: Weniger ist mehr! Und es gibt eine einzige Frage, die wie ein mächtiges Schild über allem prangt: Was brauche ich wirklich?

Mich erinnert das an früher, als die ganze Familie gemeinsam in die Skiferien fuhr. Eine logistische Meisterleistung meiner Eltern, war doch der grüne Toyota Crown Kombi schon voll, wenn alle Kinder im Auto sassen. Aber dann wurde jede kleinste Lücke ausgefüllt mit Skiern, Skischuhen, Skistöcken, Skikleidern, Skiersatzkleidern, Spielzeug – alles was eine Familie für eine Woche Skiferien braucht wurde hineingestopft – (der Vater würde sagen: «nicht gestopft, sondern geschickt geschichtet!», und dazu seinen Zeigefinger in die Höhe strecken) –, bis man nicht mehr zur Heckscheibe hinaussah. Heute höre ich oft, dass Menschen gerade deshalb auf das Skifahren verzichten. Sie haben keine Lust mehr auf diese Packerei, nur, um dann drei Mal auf zwei Brettern einen Hang hinunterzufahren, sagen sie. Dabei könnte es so einfach sein: Das Notwendigste einpacken, hoch auf den Berg und rein ins Vergnügen! Aber dann schleichen sich die «Was-wenn’s» ein … was, wenn es plötzlich zu schneien beginnt? Was, wenn plötzlich die Sonne scheint? Was, wenn das Restaurant geschlossen hat? Und plötzlich ist man überzeugt davon, dass man unbedingt einen zusätzlichen warmen Pullover braucht, eine Extra-Sonnenbrille, Extra-Socken, Extra-Sandwiches, Extra-Strumpfhosen … und ehe man sich drei Mal im Kreis gedreht hat, ist die zen-mässige Vorstellung vom minimalistischen Packen nur noch ein leises Flüstern weit hinten im Oberstübli, während man sich bereit macht für einen Hurrikan. Und dann vor lauter Panik frühzeitig den Rückzug antritt.

Brauchen wir wirklich ein Notfallset für jede Art von Notfall? Müssen wir wirklich jederzeit gewappnet sein für alle Eventualitäten? Das überlege ich mir, während ich ihn beim Packen betrachte, zusehe, wie er dieses und jenes in die Hand nimmt, überlegt, wieder weglegt, und dasselbe Prozedere mit jedem Schuh, Pullover, Buch, Ladegerät und so weiter wiederholt. Und ich denke, wie gut es doch tut, sich hin und wieder zu überlegen, was wirklich wichtig ist – um sich dann darauf zu beschränken. Und das nicht nur beim Packen.

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#15: Mutige voran

Sie braucht nur eine Kleinigkeit, etwas, das in einer einzigen Hand Platz findet, so wie ein Apfel zum Beispiel, Heftpflaster oder einen Liter Milch. Sie ist im Schuss. Schnell, schnell tritt sie über die Schwelle des Grossverteilers. Es ist der Tag nach einem Feiertag, und nebst ihr ziehen Menschen zu Hunderten ihre Ameisenbahnen zwischen den Regalen hindurch. Es herrscht ein einziges Gewimmel. Fast rempelt sie einen alten Mann an, der in kleinen Schritten durch den Laden bummelt. Zielsicher greift sie sich ihr Objekt der Begierde und schlängelt sich geschickt durch bis zu den Kassen, wo sie abrupt ausgebremst wird.

Oha!, denkt sie, während sie sich wohl oder übel zuhinterst in eine der Warteschlangen einreiht und auffällig unauffällig mit dem Dings in der Hand wedelt, in der Hoffnung, die Menschen mit ihren randvoll gefüllten Einkaufswagen würden sich ihrer Erbarmen und sie vorlassen. Doch da ist kein Erbarmen. Da sind nur argwöhnische Blicke. Wieso geht es da drüben schneller vorwärts? Wieso tippt die dort nicht flotter? Wieso schaut der so blöd? Nur an einen Ort gehen die Blicke nicht. Hinüber zu den Scannern, diesem neumodischen Zeugs, das aussieht wie Gamekonsolen aus den 90ern. Während die Schlangen vor den Kassen lang und länger werden, läuft bei den Scannern – nichts. Sie werden stoisch ignoriert. Einzig eine Verkäuferin steht sich dort die Füsse in den Bauch, abberufen, ungeschickten Menschen bei der Bedienung der Scanner zu helfen. Ihre Haltung sagt: Bleibt mir vom Leib, ihr Altmodischen, und kommt bloss nicht auf die Idee, mich zum Arbeiten zu zwingen! Doch ihre Angst ist unbegründet. Keiner wagt es, aus den Reihen zu treten. Weiss doch jeder, dass Menschen in Warteschlangen nichts Besseres zu tun haben als zu warten und andere Menschen kritisch zu beäugen.

Lange wagt es keiner – ausser einem. Der alte Mann mit nach vorne gebeugtem Rücken, schütterem, weissem Haar und seinem Einkaufskorb in der Hand schlurft mutig voran. Alle Blicke sind nun auf ihn gerichtet. Wird er es schaffen die Dinger zu bedienen? Oder sich kläglich blamieren? Die Spannung steigt. Der Senior meistert die Aufgabe bravourös. Vielleicht täuscht sie sich, aber sie glaubt, ihn Lächeln zu sehen, als er an ihr und der Menschenschlange vorbei tappt und über die Schwelle hinaus ins Freie tritt.

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#13: Sanfte Verheissung

Sie werden diese Kolumne nicht ausschneiden und an ihre Kühlschranktüre heften. Sie werden nicht ihre Freunde anrufen, um sie ihnen vorzulesen. Sie werden nicht eine Woche lang darüber grübeln. Sie werden sie lesen und dann vergessen. Und doch werde ich Ihnen die Geschichte erzählen. Denn der Moment ist jetzt. Kein Leuchten nirgends, graue Wolken hängen tief. Nur zwischendurch lichtet sich die Wolkendecke. Weisser Flaum über buntem Herbstwald. Sanfte Verheissung – riechen Sie es auch?

Noch rasch die Winterpneus montieren, noch rasch die Skier in den Service bringen, noch rasch den Garten wintersicher rüsten. Schon bald werden wieder Autos mit grimmig dreinschauenden Menschen hinter dem Steuer über weisse Fahrbahnen schleichen, werden Fussgänger ihre Mantelkragen hochschlagen, werden Turnschuhe durch robuste Winterstiefel ersetzt werden, werden fröhliche Moderatoren im Radio warnen vor Behinderungen im Strassenverkehr und raten, den Fahrstil den Wetterverhältnissen anzupassen. Kinder werden ihre Nasen an Fensterscheiben plattdrücken und nicht warten können, endlich wieder riesige Schneemänner zu bauen. Man wird wieder heisse Suppe kochen, den Ofen einfeuern, die klammen Finger an Maroni wärmen und Glühwein trinken. Man wird spekulieren: «Vielleicht gibt es ja heuer weisse Weihnachten?». Man wird reklamieren: «Diese Kälte!». Man wird fabulieren: «Waisch no, als sich die Schneemauern meterhoch türmten?»

Nicht alle werden sich freuen. Manchen ist die weisse Pracht nichts als Zumutung. Sie nehmen sie persönlich. Andere können sie kaum erwarten. Überprüfen sieben Mal am Tag die Wetterprognosen, zählen die täglich angekündigten Schneemassen zusammen und rechnen aus, wie lange es bis zur ersten Skitour noch dauern wird. Ja, bald werden die weissen Flocken wieder vom Himmel fallen, wild und ungestüm. Heissen wir ihn willkommen, den Schnee, mit ausgebreiteten Armen, den Kopf in den Nacken gebeugt, erwartungsvoll in den Himmel schauend. Und wenn dann die ersten grossen Flocken auf unseren ausgestreckten Zungen landen und sich kurz darauf in Nichts auflösen werden, dann werden wir ganz bei uns sein. Grad so, als wären wir noch einmal Kind. Selbst wenn diese vergangenen Zeiten längst nicht mehr als vage Erinnerung sind. Und genau so wird es wohl bald auch dieser kleinen Geschichten ergehen.

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#11: Veloferien

Zwei Frauen, Kaffee, Kuchen. Die wichtigsten Themen scheinen verhandelt am Nebentisch, als die eine, nach längerem Schweigen, erwähnt, sie sei noch nie so wenig Velo gefahren wie diesen Sommer. Worauf die andere: «Dann lass uns nächstes Jahr Veloferien planen, im Frühling, dann haben wir die meisten Kilometer schon eingefahren, bevor die Saison überhaupt losgeht.» – «Supi Idee! Machen wir!», sagt die eine, «eine Woche Mallorca? Anfangs Juni? Abgemacht?» Ich vertiefe mich weiter in mein Buch, denke, ganz schön spontan die Damen, während meine Augen über die Sätze flackern. «Mallorca, ja, super! … obwohl, anfangs Juni ist jetzt nicht soo optimal… Meiner feiert einen Runden.» – «Ah, oh, okay, dann vielleicht Ende Juni?» – «Ende Juni ist leider ganz schlecht. Dann feiert meine Jüngste Geburtstag.» – «Lebt deine Tochter nicht längst auswärts?» – «Ja schon, aber falls sie für ihren Geburtstag heimkommt, möchte ich natürlich da sein.» – «Ja, klar, versteh ich, logo Süsse!»

Schweigen.

«Dann vielleicht im Mai?» – «Mai wäre super! … obwohl, im Mai ist es noch ganz schön kühl, so im Bikini, am Strand.» – «Ich dachte, wir fahren Velo, und liegen nicht am Strand?» – «Ja, schon, logo. Aber bitzli bädelen und sünnelen wäre halt schon auch schön.» – «Dann vielleicht doch eher Rimini? Im Juli?» – «Super! Rimini! Im Juli! Perfekt! … obwohl, Juli ist jetzt nicht soo praktisch. Da sind ja Schulferien, und vielleicht entscheidet sich ja unser Grosser für ein paar Tage heimzukommen.  Aber… falls er nicht kommt… dann ja, Juli, Rimini, super!» – «Hm, ob man dann im Juli in Rimini so kurzfristig ein Zimmer bekommt?» – «Hm…»

Schweigen.

«Also dann vielleicht doch August. August wäre supi zum Velofahren. Vielleicht aber eher im Norden. Im Süden ist es dann ganz schön heiss.» – «Norden im August ist topp. Perfekt! Gebongt! Sylt? Vielleicht?… obwohl, es soll im Norden im August ja ganz oft regnen. Das wäre dann sehr schade.» – «Hm, ja, logo.» – «Obwohl, wenn wir ein ganz schönes Hotel finden würden, eines mit einem Wellnessbereich, dann ginge es.» – «Perfekt! Supi! … Obwohl, lieber als Wellnessen würde ich schon Velofahren.» – «Ja, klar, natürlich, ich auch, logo.»

Ich bezahle meinen Kaffee, packe mein Buch in meine Tasche und mache mich auf den Heimweg. Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl für diese Velowoche.

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#8: No Sports.

Sport sei überbewertet, sagte einer, ein anderer sagte, zwischen zwei Zügen an seiner Marlboro, etwas Bewegung könne nicht schaden, während er in seinen Cowboy-Stiefeln den steilen Stotz hinaufstieg, eine sagte, Yoga habe ihr ermöglicht, ihren Körper zu mögen, auch in seiner Unperfektheit, und ein anderer sagte, mit dem Training sei das halt so eine Sache … schlechtes Timing, schlechtes Wetter, schlechte Laune … etwas sei halt immer. Kuno Lauener sang, »gäbe mer de recht Fuess vom Ibrahimovic», und einer schrieb, Sport sei letztendlich ein Spiegel des Lebens, nicht mehr und nicht weniger. Mike Tyson sagte, er sei ein Träumer, er müsse einfach träumen und nach den Sternen greifen, und wenn er einen Stern verfehle, dann packe er sich eben eine Handvoll Wolken, und ein anderer fragte, wann eigentlich aus dem Sport ein derart verdammter Affenzirkus geworden sei. Ein anderer sagte, er habe nur einen einzigen Wunsch, er wolle Fussball-Profi werden, während eine andere sagte, sie mache fortan jeden Tag einen Spaziergang, nicht zu weit, bis zur Brücke vielleicht, dort schaue sie dann aufs Wasser, das helfe, vielleicht.

Eine schrieb, am liebsten shoppe sie Golfkleider, sie sei süchtig nach Golfkleidern, wenn sie Golfkleider shoppe, gehe es ihr gut, ein anderer sagte, seine problemlose Integration habe er fest dem FC zu verdanken, und einer sagte, dieses Verbissene sei nichts für ihn, eine andere sagte, Sport habe mit Sport ja überhaupt nichts mehr zu tun, Sport sei ja nur noch eine Geldmaschinerie und überhaupt, heute drehe sich ja alles nur noch ums Geld. Und einer schrieb, am allerschönsten sei Sport, wenn man ihn an einem verregneten Sonntagnachmittag von der Couch aus im Fernsehen geniessen könne, eine andere sagte, sie sei eine Rampensau, und einer fragte, warum eigentlich jeder, der einmal im Leben einen Fussball gesehen habe, meine, ein Fussball-Experte zu sein. Ein anderer sagte, vor einem Wettkampf müsse der Körper vor Spannung fast explodieren, und einer sagte, wenn er sich nicht jeden Tag bewege, sei er für seine Mitmenschen nicht zumutbar, und eine andere sagte, sie müsse zuerst abnehmen, bevor sie mit Sport anfange, ein anderer sagte, er lerne jetzt kraulen, Yakin sagte, ein Muri gehöre in die Super League, und lange bevor einer schrieb, wer laufend denke, bewege sich, sagte Churchill, no Sports. Nicht.

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#7: Zeit ist Geld

Zeit ist Geld, sagt man. Und obwohl ich diese Aussage im Grunde ungut finde, weil Zeit doch viel mehr ist als Geld, viel wertvoller, unermesslich eigentlich, kam mir neulich ein ähnlicher Gedanke, als ich meine Laufschuhe schnürte. Ich dachte: «Gut, dass ich Kolumnistin bin, so kann ich das Nützliche mit dem Praktischen verbinden.» Ich war zufrieden, denn ich hatte einen Plan. Ich würde etwas für meine Fitness tun und währenddessen viel Zeit haben, mir eine neue Kolumne auszudenken. «Optimal!», dachte ich. Wieder daheim, müsste ich mich nur noch vor den Computer setzen und die fulminanten Sätze, die ich mir beim Laufen ausgedacht hatte, in die Tasten hauen. Sache erledigt. Kolumne geschrieben. Zeit gespart. Guter Plan!

Ich lief los. Ich sah Unkraut am Wegrand und ein paar Robidog-Säcke. Und dann dachte ich, dass jetzt der Zeitpunkt optimal wäre, mir ein imposantes Kolumnen-Thema auszudenken. Kaum gedacht, schossen die Themen ein wie die Dummys beim Crashtest. «Südkorea und die kommende Olympiade», dachte ich. Oder: »In vier Wochen beginnt die neue Ski-Weltcupsaison», dachte ich. Oder: «Emanzipatorische Ansprüche beim Nordic-Walking.» Läuft, dachte ich, und liess meinen Gedanken freien Lauf. Ich verschärfte mein Tempo. Ich dachte Glück, Glut, Gurke, Glanz, Glas, und spürte mein Herz an meinen Hinterkopf klopfen. Okay, dachte ich, während ich einen Zacken zulegte, daraus lässt sich sicher eine hübsche Kolumne basteln. Ich lief schneller. Und dachte, wie lange eine Seite ohne Denken das Wagenrad ist rund. Doch wenn der Stau dahinfliesst im trägen Morgenrock, wo fliesst er hin?

Ich dachte: «Seit wann ist mein Kopf ein irres Bienenhaus und mein Hirn ein wild gewordener Bienenschwarm?» und versuchte, mich auf das Thema meiner nächsten Kolumne zu konzentrieren. «Ruhig», dachte, «atmen», dachte ich, «klar denken». Mein Atem überholte meine Beine. Das Spülmittel hat ein Leck und es ist rund. Ein runder Kuchen da. Und dann geht es voran, voran. Und nimmer müde war der Wald. Mag das Klingen. Mag das Klagen. Klagemauer. Klagemüde.

Ich war froh, als ich meine Runde zu Ende gelaufen hatte. Mein Kopf war ein roter Feuerball. Meine Beine waren Klumpen aus Blei. Meine Gedanken Brei. Und ich dachte daran, dass ich einmal gelesen hatte, dass man beim Laufen intelligenter sei als beim Sitzen. Irgendwie ging mein Plan nicht auf.

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#6: Grosse Fragen

Neulich: Zwei Hobby-Läuferinnen nehmen zum ersten Mal an einem Berglauf teil. Zuvor unterstützten die Freundinnen jahrelang ihre Läufer-Ehemänner, standen sich an etlichen Volksläufen die Beine in die Bäuche, warteten im Ziel auf die Ankunft ihrer verschwitzten Helden, beklatschten, lobten und fotografierten die stolzen Mannen mit deren Finisher-Medaillen um den Hals von vorne, hinten, links, rechts, oben und unten, und hörten sich in den folgenden 127 Stunden geduldig jedes mikromässig kleinste Detail des Erlebten immer und immer wieder an. Eines Tages traf eine der beiden eine Entscheidung: «Jetzt reichts!», sagte sie, «das wollen wir auch einmal erleben!». So begannen sie – S. aus S. und N. aus S. – zu laufen. Erst zwei, dann fünf, dann zehn, irgendwann 20 Kilometer am Stück… zuerst flach, dann bergauf… und dann, neulich, war der Tag gekommen: Sie zogen sich eine Startnummer über und rannten los.

Das Faszinierende sei, sagte S. später überglücklich im Ziel, dass man beim Laufen so frappant die Unterschiede zwischen Mann und Frau erkenne. Ein Mann lasse sich ungefähr so gerne von einer Frau überholen, wie er sich freiwillig eine Gabel in seinen Augapfel rammen würde. Sie habe während des Laufs den Eindruck gehabt, manche Männer würden lieber an einer Überdosis Sauerstoffmangel sterben, als sich von einer Frau überholen zu lassen. «Übrigens», sagte sie und strahlte, «sie sei eine Viertelstunde vor ihrem Mann im Ziel gewesen.» Worauf Freundin N. sagte, ihr Mann habe ihr erklärt, er würde vorher anfangen Golf zu spielen, als sich von der eigenen Frau überholen zu lassen.

Das wirft – liebe Leserinnen und Leser – Fragen in mir auf. Grosse Fragen. Grundsatz-Fragen. So wie sie sich die Hobby-Läuferin D. aus T. stellte, deren Ehemann ihr damals, nach dem ersten gemeinsamen Marathon-Erlebnis, klarmachte, er werde im Fall nie, nie, nie mehr an einem Marathon teilnehmen. So einen Seich tue er sich sicher nie, nie, nie mehr an. Erst als die Frau weiter übte und des Mannes bisherige Halbmarathon-Bestmarke unterbot, kaufte sich dieser ein Paar neue Laufschuhe und fing wieder mit dem Training an. Seither hat er weitere sieben Marathons bestritten. D. dachte: Erstaunlich. Und meint: Gewisse Fragen, und mögen sie noch so gross sein, beantworten sich von selbst. Oder nie, nie, nie.

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#4: Velogeschichten

Er hiess Torsten und er hatte schöne Waden. Wie marinierte Pouletschenkel frisch aus dem Ofen glänzten sie an der prallen Sonne. An seinem Rücken flatterte eine Startnummer mit seinem Namen drauf im Fahrtwind. Ich weiss es, denn ich hatte mich an sein Hinterrad geheftet. Mir gefiel es dort, ich hatte einen schönen Ausblick – auf den Rhein und die Werdenberger Berge. Ich trat also fest in die Pedale und freute mich, dass ich es schaffte, an ihm dranzubleiben. Für einen Moment überlegte ich sogar, Torsten zu überholen. Aber ich wollte ihn nicht komplett demoralisieren. Schliesslich war er Teilnehmer eines Ultra-Triathlons, und ich mit meinem Velo nur zufällig mitten ins Teilnehmerfeld geraten. Ausgerechnet ich, die erst seit Kurzem wieder in Besitz eines Zweirades war.

Unter uns: Velofahren hat mich nie wirklich fasziniert. Aufwärts? Zu steil. Geradeaus? Zu flach. Bergab? Zu steil. Ausserdem habe ich noch nie einen Menschen getroffen, der in engen Velohosen gut aussieht. Zumindest nicht, sobald er vom Fahrrad steigt. Aber item. Mir gefiel es in Torstens Windschatten. Schade, dass sich unsere Wege bald trennten und ich ihn ziehen lassen musste. «Tschüss Torsten», rief ich ihm nach und «viel Glück!», bevor ich mich, vor mich hin summend, auf den Heimweg machte. Er spuckte zum Abschied drei Mal auf den Boden.

Ich fuhr noch ein Stück weiter dem Fluss entlang, bog dann ab und nahm die rund 500 Höhenmeter bis daheim unter die Räder. Und dann sah ich ihn. Ich kannte ihn nicht, aber er sah beneidenswert sportlich aus auf seinem Rennvelo. Gleichmässig wie ein Metronom bewegte sich sein Oberkörper über den Lenker gebeugt – rechts, links, rechts, links. Der ganze Mensch glänzte wie eine frisch lackierte Motorhaube in der Wüste Nevadas. Er sah mich nicht, aber er spürte mich, das spürte ich. Kurve für Kurve, Meter für Meter holte ich auf. Am Ende liess sich das Unheil nicht mehr vermeiden. Sein Kopf glühte als ich ihn überholte. Und ich schwöre, ein bisschen rauchte es aus seinem Velohelm.

Und jetzt hätte ich noch eine Frage: Gibt es so etwas wie einen Gümmeler-Ehrenkodex zu beachten, wenn eine Velofahrerin auf einem E-Bike einen Velofahrer ohne Motor überholt? Für sachdienliche Hinweise danke ich im voraus herzlich.

  • Torsten Kühn-Schad war Teilnehmer des SwissUltra 2017.
    Ein Teil der Radstrecke führte dem Rheindamm entlang.

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#3: Es lebe der Sport

«Sport ist zum K**, es lebe der Sport!», schrieb B. aus Z. nach meiner ersten Kolumne in einer Mail, und ich dachte, was für ein hübscher Anfang für meine neue Kolumne dieser Prachtsatz doch wäre, weshalb ich heute meine Geschichte damit beginne, obwohl ich eigentlich etwas Anderes erzählen möchte:

Haben Sie es auch gelesen? Zwei Engländer wollen aus dem beliebten Kinderspiel «Fangis» eine globale, professionelle Sportart machen. Sogar eine Fangis-Weltmeisterschaft sei geplant, schrieb eine grosse Zeitung in einer kleinen Randnotiz. Wenn ich solche Sachen lese, fängt mein Kolumnistinnen-Hirn natürlich an zu rattern, wie die alte Nähmaschine meiner Mutter, mit der sie früher unsere zerschlissenen Manchesterhosen flickte. Sofort versetze ich mich zurück in meine Kindheit, als ich mit meinen Gspänlis stundenlang Fangis und Versteggis spielte und die Äste der Birke in unserem Garten hochkletterte. Hoch und immer höher hinauf kletterte ich, bis der Himmel ganz nah und die Mutter ganz fern war, und ich leider nicht mehr hören konnte, wie sie mir von unten zurief, ich soll vom Baum runterkommen – aber sofort!

Das waren noch Zeiten, früher, als wir uns aus purer Lust an der Freude bewegten und Sport noch nichts mit Fitness, Wettkampf oder schlank sein zu tun hatte. Als man jede Stange als Einladung betrachtete, den Umschlag zu turnen und jede Blumenwiese, schnell zu rennen wie der Wind. Als man nicht überlegte, sondern machte. Einfach so, weil es lustig war. Und jetzt wollen also zwei Engländer aus einem Kinderspiel einen Wettkampf machen? Ich überlege. Wann hört eigentlich die spielerische Freude an Bewegung auf und der Wettbewerbsgedanke an? Erinnerungen kommen hoch an Schulsporttage, Schülerskirennen, den Flöserfisch… aber auch an Dulix-geschwängerte Turnhallen und graue, faustdicke Bodenmatten, die wir in der Turnstunde aneinanderreihten, um dann auf diesen stinkenden Gummi-Autobahnen Purzelbäume zu schlagen, einen nach dem anderen, ohne Pause. Zum Glück durfte ich bei dieser Übung jeweils aussetzen und zusehen, als der Turnlehrer realisierte, dass ich mich spätestens nach dem vierten Purzelbaum immer übergeben musste.

Das war es aber nicht, was B. aus Z. meinte, als er schrieb: »Sport ist zum K**, es lebe der Sport!». Jene Geschichte erzähle ich ein anderes Mal.

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#2: Die Tief-Hochstapler

Wir standen im Kreis, vier Männer und eine Frau, moi, der Abend war lau, die Getränke kühl, die Gespräche flüssig, und wie immer, früher oder später, kam man, eher früher, auf das Thema Sport zu reden.

Wie es denn gelaufen sei beim Marathon, fragte einer in die Runde. «Lausig!», sagte der eine, «Frag nicht!», der andere, «Hmm!», der dritte. Man habe überhaupt keine Zeit für’s Training gehabt, leider, leider. Kurzum: Die Männer klagten sich gegenseitig ihr Leid – «dr Job», «d’Goofa», «dr Rugga» – es schien, als würden sie sich einen Sport daraus machen, sich gegenseitig Gründe aufzuzählen, die sie an einer seriösen Vorbereitung gehindert hatten. Irgendwann wollte ich auch etwas sagen. «Excüsi», sagte ich, und hob meine Hand, wie früher in der Schule, «habt ihr die 42 Kilometer trotzdem geschafft?», fragte ich mitfühlend. Jetzt schienen die Herren zu Höchstform aufzulaufen. Sie übertrumpften sich gegenseitig mit ihren gelaufenen Zeiten – Top-Zeiten übrigens, die man als Hobby-Läufer nur schafft, wenn man fleissig übt – und gaben sich grösste Mühe, dabei ein belangloses Gesicht zu machen. Als wäre eine seriöse Vorbereitung auf einen Sportevent ein eitriger Pickel auf der Nase: Man hat ihn, redet aber gefälligst nicht darüber. Alles klar Buben, wir spielen «fishing for compliments», ich hab’s kapiert.

Fazit: Trau nie einem Sportler, der behauptet, er trainiere nicht. Es sind dieselben Exemplare, die dich auf die Velotour mitnehmen und dir versichern, sie würden es «extrem gemütlich» angehen. «Easy!», rufen sie dir noch zu, bevor sie davonpreschen und dich mit abgesägten Velohosen in der Pampa stehen lassen. Merci!

Es gibt sie aber auch ausserhalb des Sports, die Tief-HochstaplerInnen. Ob sie wisse, ob das Sommerfest, zu dem wir beide eingeladen waren, kleidermässig eher légère oder elegant sei?, fragte ich sie, denn ich wollte nicht ins Fettnäpfchen treten. «Total locker», antwortete sie, und dass sie sich si-cher nicht! in ein schickes Kleid quetschen werde. Und da standen wir dann – ich in meinem Hippierock und in Birkenstocksandalen, sie in ihrem Cocktail-Kleid, ihren 10-Zentimeter-Hacken und ihren drapierten Engelslocken. Danke, Schwester!

Apropos: Ich weiss, die Kolumne ist ganz schlecht, aber ich hatte absolut keine Zeit zum Schreiben, leider, leider.

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#1: Ich protokolliere für Sie

Am Fernsehen läuft die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London, ich liege auf der Couch, und während sich draussen Regenwolken auftürmen, staune ich drinnen über stahlharte Bäuche, über gigantische Schenkel und Sportler mit Selbstvertrauen so gross wie Ozeantanker.

Ich überlege: Meine sportliche Karriere begann … Nein, falsch, meine sportliche Karriere gibt es nicht. Wie auch? Dazu hätte ich mich ja schon früh für die Sportart entscheiden müssen. Wie Roger Federer – ihm wurde der Tennisschläger bestimmt schon in die Wiege gelegt. Mir hingegen hat niemand etwas in die Wiege gelegt. Wer weiss, was für eine Sportskanone sonst aus mir geworden wäre? Doch statt in der Sportart immer besser zu werden, verwandte ich mein halbes Leben darauf, mein wahres sportliches Talent überhaupt erst zu entdecken. Ich probierte alles Mögliche, von Fussball über Handball über Jazztanz über Judo über … Und was hat’s gebracht? Nicht viel, sonst hätte ich ja nun in London mit Waschbrettbauch um Medaillen gekämpft. Aber was soll’s? Entscheidend ist, dass der Sport mich schon ein Leben lang begleitet. Und nicht nur mich. Rund 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung laufen, schwimmen, stemmen Gewichte, fahren Ski, machen Yoga oder turnen, die Dunkelziffer noch nicht mitgezählt. Und die ist sicher wolkenkratzerhoch! Oder kennen Sie jemanden, der noch nie im Leben eine Liegestütze gemacht hätte? Eben.

Sollen die grossen Sportler doch die grossen Geschichten schreiben, denke ich mir, während in London wieder ein neuer Weltmeister seine Ehrenrunde dreht. Ich kümmere mich lieber um die kleinen Geschichten, und zwar jeden Donnerstag, hier, in dieser Spalte. Meine Kolumnen handeln von Ihnen und manchmal auch von mir, liebe Turnerinnen und Wanderer, Neogolfer und Freibadschwimmer, liebe Tschütteler und Gümmeler, von unseren sportlichen Freuden und Leiden, Grenzerfahrungen und Nahtoderlebnissen, unseren ambitionierten Vorsätzen und verblassten Erinnerungen. Erzählen Sie mir, schreiben Sie mir! Ich begeistere mich mit Ihnen, freue mich mit Ihnen, ärgere mich mit Ihnen. Und vielleicht wurde mir ja doch etwas in die Wiege gelegt: ein Bleistift. Ich werde für uns alle protokollieren. Ich bin: die Fänin.

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